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Nur ein Drittel aller Verdingkinder fordert Solidaritätsbeitrag ein

Seit dem letzten Jahr können sich Opfer von fürsorglichen Zwangsmassnahmen beim Bund um eine Entschädigungszahlung bewerben. Bisher haben sich nur wenige gemeldet - für Experten wenig überraschend.

11.01.2018 / 17:21 / von: abl
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Nur wenige ehemalige Verdingkinder bewerben sich um einen Solidaritätsbeitrag. (Bild: instagram/Verein Fremdplatziert)

Nur wenige ehemalige Verdingkinder bewerben sich um einen Solidaritätsbeitrag. (Bild: instagram/Verein Fremdplatziert)

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«Viele wissen gar nicht, dass sie jetzt das Recht hätten, sich um einen Solidaritätsbeitrag zu bewerben», sagt beispielsweise Guido Fluri, Urheber der Initiative für Wiedergutmachung. Trotzdem sei es für ihn bitter, dass sich nur so wenige gemeldet haben.

Noch bis im März können ehemalige Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen beim Bund ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag von 25'000 Franken einreichen. Bisher sind 4525 Gesuche eingegangen. Die Zahl der Opfer ist aber viel höher: Der Bund geht von 12'000 bis 15'000 Anspruchsberechtigten aus.

Warum sich viele nicht melden, ist nun wissenschaftlich untersucht worden. Die Gründe seien vielfältig, teilte die vom Bundesrat eingesetzte Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgungen (UEK) am Donnerstag mit. Mit Sicherheit falsch wäre es, aus der Gesuchszahl zu folgern, dass es weniger Opfer gebe als angenommen.

Ein Grund für die tiefe Gesuchszahl ist gemäss der UEK, dass viele Betroffene verstorben sind oder sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befinden. Noch lebenden Opfern fehlen teilweise die emotionalen oder gesundheitlichen Ressourcen, um eine Gesuch zu stellen.

Ein weiterer Grund ist ein Misstrauen gegenüber den Behörden und die Angst vor erneuter Diffamierung und Stigmatisierung. Um einen Solidaritätsbeitrag zu erhalten, müssen die Betroffenen belegen, dass sie Opfer waren. «Wir müssen beweisen, dass wir das waren, die gelitten haben», sagt Robert Blaser, Präsident des Vereins Fremdplatziert und früher selbst ein Verdingkind. «Und viele können es gar nicht glauben. Früher haben sie uns misshandelt und jetzt sollen wir Geld bekommen», sagt Blaser im RADIO TOP-Beitrag.

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Er rechnet deshalb auch nicht damit, das bis zum Ablauf der Frist Ende März noch viele ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag einreichen werden.

Das Parlament hatte im Herbst vor einem Jahr 300 Millionen Franken für Solidaritätsbeiträge bewilligt. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen waren in der Schweiz bis 1981 angeordnet worden.

Zehntausende von Kindern und Jugendlichen wurden an Bauernhöfe verdingt oder in Heimen platziert, viele wurden misshandelt oder missbraucht. Menschen wurden zwangssterilisiert, für Medikamentenversuche eingesetzt oder ohne Gerichtsurteil weggesperrt, weil ihre Lebensweise nicht den Vorstellungen der Behörden entsprach.

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