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Schweizer Medaillen-Regen dank guten Lehrbetrieben – und Nervenstärke

Trotz starker Konkurrenz räumte die Schweizer Delegation an den Berufsbildungsweltmeisterschaften 20 Medaillen ab. Das sind mehr als je zuvor. Geschuldet ist der Erfolg dem dualen Bildungssystem.

20.10.2017 / 12:16 / von: sfa
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Ein Schweizer Teilnehmer an den World Skills in Abu Dhabi. (Bild: swiss-skills.ch)

Ein Schweizer Teilnehmer an den World Skills in Abu Dhabi. (Bild: swiss-skills.ch)

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Der Konkurrenzdruck an den Berufsbildungsweltmeisterschaften, den sogenannten «World Skills» nimmt seit Jahren zu. Länder aus Asien oder Südamerika investieren viel, um Medaillen zu gewinnen. Trotzdem hat die Schweiz dieses Jahr ihr bisher bestes Ergebnis eingefahren: elfmal Gold, sechsmal Silber, dreimal Bronze. Zum Vergleich: Deutschland hat gerade einmal zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen gewonnen.

Radio TOP Beitrag zum Schweizer Erfolg an den World Skills in Abu Dhabi:

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Fünf der Medaillenträger stammen aus dem TOP-Land. Hier geht’s zu den Porträts.

Niklaus Schatzmann, Leiter des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes im Kanton Zürich ist stolz auf die Medaillenträger. Er betont aber, dass sie alles andere als Einzeltalente seien: «Die Schweizer Medaillenträger sind zwar die besten in ihren Bereichen – aber sie repräsentieren eigentlich den Schweizer Durchschnitt. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die grosse Mehrheit der Berufsleute niemals dieses breite Wissen und Können hätten. Dort werden nur ein paar Einzelne gezielt für die Weltmeisterschaft vorbereitet.»

Ähnlich sieht das auch Christoph Thomann, Vize-Präsident des Verbands Berufsbildung Schweiz. Er hat den Medaillen-Regen in Abu Dhabi live miterlebt. Für ihn steht fest: Die starke Schweizer Berufsbildung ist den guten Lehrbetrieben geschuldet: «Die Schweizer Kandidaten arbeiten in der Praxis. In asiatischen Ländern werden die Kandidaten jahrelang trainiert, sie müssen Trainingsaufgaben lösen, sie sind aber nie praktisch tätig. In der Schweiz arbeiten alle produktiv in einem Lehrbetrieb.»

Auch die Organisation der Schweizer Lehrbetriebe in Gewerbe- und Branchenverbänden sei entscheidend: «Diese Verbände erlassen Berufsreglemente. Sie bestimmen also, was wichtig ist und was man in einem Beruf können muss. Das kennt man in anderen Ländern nicht. Deshalb ist es auch schwierig, das duale Schweizer Berufsbildungssystem in ein Land zu exportieren, wo jeder Betrieb nur für sich schaut.»

Trotzdem: Christoph Thomann lobt neben dem Schweizer Bildungssystem auch die einzelnen Wettkampfteilnehmer. Sie hätten grosse Nervenstärke bewiesen, sagt er: «Den Automatikern ist zum Beispiel ein Teil ausgestiegen. Dann haben sie eineinhalb Stunden gebraucht um festzustellen, dass das Teil von Anfang an defekt war. Und trotzdem haben sie Gold geholt. Oder dem Elektromonteur ist gleich zu Beginn der ganze Kasten mit allen Einzelteilen ausgeleert. Aber auch er hat die Nerven behalten und Gold geholt.»

Niklaus Schatzmann vom Amut für Berufsbildung in Zürich warnt allerdings davor, sich nun ob des Medaillen-Regens auf die faule Haut zu legen. Er sieht auch Herausforderungen auf das Schweizer Bildungssystem zukommen: «Heute arbeitet man nicht das Leben lang bei einer Firma. Heute wechselt man den Arbeitgeber, häufig wechselt man sogar die Branche und arbeitet nicht das Leben lang im gleichen Beruf. Das ist eine Herausforderung für jeden Einzelnen: Wie bleibe ich für den Arbeitsmarkt fit?»

Auch die Digitalisierung stelle die Lehrbetriebe und die Lehrlinge vor Herausforderungen, weil ganze Berufsfelder sich verändern oder verschwinden. Niklaus Schatzmann sieht die Politik in der Pflicht, damit ob dieser Veränderungen niemand unter die Räder kommt. Es müsse weiterhin viel in die Aus- und Weiterbildung der Berufsleute investiert werden. 

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