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Trendwende auf tiefem Niveau: Mehr Fälle - gebremster Impf-Elan

Die Zahl der positiv auf das Coronavirus getesteten Personen hat sich innert Wochenfrist auf tiefem Niveau mehr als verdoppelt. Im Gegenzug ist die Impfkadenz im gleichen Zeitraum um 12 Prozent gesunken. Nicht unerwartet und plausibel sind die neusten Fallzahlen für den Taskforce-Chef.

06.07.2021 / 16:37 / von: sda/asl
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Die Kantone bereiten sich auf einen möglichen Anstieg der Corona-Fallzahlen im Herbst vor. Es gäbe allerdings noch viele offene Fragen, sagte die Berner Kantonsärztin Linda Nartey. (Bild: KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Die Kantone bereiten sich auf einen möglichen Anstieg der Corona-Fallzahlen im Herbst vor. Es gäbe allerdings noch viele offene Fragen, sagte die Berner Kantonsärztin Linda Nartey. (Bild: KEYSTONE/Alessandro della Valle)

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Insgesamt präsentiere sich die Lage immer noch sehr gut, sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), am Dienstag vor den Medien in Bern. Zwar steige die Zahl der gemeldeten Ansteckungen wieder etwas an. Spitaleinweisungen oder Todesfälle seien aber kaum oder nur wenige zu verzeichnen.

Dies decke sich mit den Beobachtungen im Ausland, namentlich in Grossbritannien und Israel, wo die Delta-Variante schon dominiere. Trotzdem gerate das Gesundheitswesen dort nicht in Schwierigkeiten und sei nicht überlastet. «Dies bestätigt, dass die Impfung die Antwort darauf ist», erklärte Masserey. In der Schweiz liegt der Anteil der Delta-Variante am Infektionsgeschehen unterdessen auch bei nahezu 30 Prozent.

Offenbar haben sich laut der Berner Kantonsärztin Linda Nartey auch mehrere Fussballfans im Ausland im Zusammenhang mit Spielen der Europameisterschaft mit dem Coronavirus angesteckt. Das genaue Ausmass der Ansteckungen war zunächst unklar. Verlässliche Daten dazu liegen gemäss Nartey noch nicht vor.

274 neue positiv getestete Fälle

Taskforce-Präsidenten Martin Ackermann zeigte sich von den neusten Entwicklungen nicht überrascht. Nach den neusten Öffnungen erhöhe sich die Zahl der Kontakte unter den Menschen und die Mobilität nehme zu. Der Anstieg komme deshalb «nicht unerwartet» und sei «plausibel», sagte er am Dienstag. 

Es sei aber schon denkbar, dass der Vormarsch der Delta-Variante, höhere Anzahlen von Tests vor den Sommerferien, die Public Viewings zur Fussball-EM oder andere Anlässe für den Anstieg verantwortlich sein könnten.

In der Schweiz und in Liechtenstein sind dem BAG am Dienstag innerhalb von 24 Stunden 274 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet worden. Vor einer Woche hatte die Behörde noch 129 bestätigte Fälle registriert.

Neue Todesfälle wurden am Dienstag keine gemeldet, und lediglich drei Spitaleinweisungen wurden verzeichnet. Nur 3,3 Prozent der verfügbaren Intensivpflegebetten werden derzeit von Covid-19-Patienten besetzt. 29 Personen benötigten derzeit Intensivpflege in den Spitälern.

Gemäss den Plänen des Bundesrates sollte Ende August der Übergang in die Normalisierungsphase folgen. Je nach Entwicklung der Lage könnte sich dieser laut Masserey verschieben. Das hänge insbesondere auch davon ab, wie gross der Anteil der nicht-immunen Erwachsenen zum fraglichen Zeitpunkt noch sein werde.

Über 3,4 Millionen Zertifikate

3'272'008 Personen sind bereits vollständig geimpft. Bislang wurden 3'432'547 Zertifikate für vollständig Geimpfte, Genesene oder Getestete ausgestellt.

Aus der Gefahrenzone heraus sei die Schweiz aber noch nicht, mahnte Ackermann. Daher sei es jetzt der richtige Zeitpunkt, um möglichst alle zu impfen. Von den rund 1,2 Millionen über 70-jährigen Menschen in der Schweiz haben laut Ackermann inzwischen über 1 Millionen Antikörper entwickelt.

Das bedeute aber, dass rund 200'000 ältere Menschen noch keinen ausreichenden Impfschutz hätten. Wenn sich die Delta-Variante weiter ausbreite, steige die Gefahr von mehr Ansteckungen in dieser vulnerablen Altersgruppe.

Warten auf Anerkennung der EU

Weiter geht das Warten auf die Anerkennung des Schweizer Covid-Zertifikates durch die EU, wie Masserey bestätigte. Dies, obwohl alle technischen wie auch rechtlichen Voraussetzungen seitens der Schweiz erfüllt sind. Aus Brüssel heisst es, die Anerkennung erfolge bald. Die EU-Kommission muss noch grünes Licht geben, damit das Schweizer Covid-Zertifikat in allen EU-Staaten akzeptiert ist.

Alters- und Pflegeinstitutionen der Schweiz haben derweil mit Unverständnis auf Aussagen von Gesundheitsminister Alain Berset zu einer angeblich tiefen Impfbereitschaft in Heimen reagiert. Der Bundesrat verkenne, dass die Institutionen den Umgang mit dem Virus gelernt hätten und alles dafür unternähmen, um künftige Ausbrüche zu verhindern.

Die Impfbereitschaft beim Personal in den Alterstinstitutionen entwickle sich weiter vergleichbar mit derjenigen der entsprechenden Bevölkerungsgruppen, teilten die Branchenverbände Curaviva und Senesuisse am Dienstag gemeinsam mit. Bundesrat Alain Berset hatte sich in einem Interview mit der «NZZ» besorgt gezeigt, weil derzeit 20 Prozent der Menschen über 80 Jahre nicht geimpft seien.

Drittel der Nebenwirkungen schwerwiegend

3'400 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach Corona-Impfungen sind mittlerweile von der Heilmittelbehörde Swissmedic untersucht worden. Ein Drittel davon hat sie als schwerwiegend beurteilt, zwei Drittel als nicht schwerwiegend, wie Christoph Küng, Leiter Abteilung Arzneimittelsicherheit bei Swissmedic, am Dienstag darlegte.

Schwerwiegend bedeute, dass eine Spitaleinweisung nötig werde oder sich eine solche verlängere. Trotz anderslautender Behauptungen habe Swissmedic bisher keinen einzigen Todesfall aufgrund von Nebenwirkungen des Impfstoffes gefunden, sagte Küng.

Gerade bei jungen Menschen, die noch über ein starkes Immunsystem verfügen, könne dieses stärker reagieren und zu schwereren Nebenwirkungen führen. In der Regel seien die Nebenwirkungen aber harmlos, wenn auch unangenehm. Nach einigen Tagen seien sie in der Regel überstanden.

Alle bekannten Nebenwirkungen werden laut Küng ausgewiesen und publiziert. Deshalb seien Meldungen über nicht bekannte seltene Nebenwirkungen wichtig. Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es aber nicht. «Es kann und darf Nebenwirkungen geben.» Bei beiden in der Schweiz verwendeten Wirkstoffen seien die Nebenwirkungen ähnlich, erklärte er.

Bund geht gegen Falschinformationen über Covid-19-Impfung vor

Der Bund geht unter anderem mit Aufklärungsvideos gegen in den sozialen Medien kursierenden Falschinformationen über die Covid-19-Impfungen vor. So gebe es keine Hinweise darauf, dass etwa die Fruchtbarkeit durch eine Impfung beeinträchtigt werde, sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Das sei eine Fehlinformation, für die es keine wissenschaftliche Basis gebe, sagte Masserey. Der Bund versuche, etwa mit Videos in mehreren Sprachen und Informationen im Internet Gegensteuer zu geben.

Laut der Arzneiaufsichtsbehörde Swissmedic gibt es weder bei der Marktüberwachung durch Meldungen aus der Bevölkerung noch bei Studien Hinweise auf Fruchtbarkeitsstörungen durch die in der Schweiz zugelassenen Impfstoffen, sagte Christoph Küng, Leiter der Abteilung Arzneimittelsicherheit bei der Heilmittelkontrolle Swissmedic.

Kantone bereiten sich auf mehr Corona-Fälle im Herbst vor

 

Die Kantone bereiten sich auf einen möglichen Anstieg der Corona-Fallzahlen im Herbst vor. Es bestünden diesbezüglich allerdings noch viele offene Fragen, sagte die Berner Kantonsärztin und Vizepräsidentin der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte (VKS), Linda Nartey. Man rechne mit lokalen und regionalen Ausbrüchen, sagte Nartey. In der kühleren Jahreszeit könnten darum die Fallzahlen wieder «hochgehen».

Die Kantone würden derzeit zahlreiche Fragen diskutieren, erklärte die Kantonsärztin weiter. Diese drehten sich unter anderem um die Impfkampagne. Die Frage sei, ob es bessere Informationen brauche oder ob die Kampagne auf die richtigen Personengruppen fokussiere. Möglicherweise seien auch mehr Impforte nötig. Zudem würden sich die Verantwortlichen auf Auffrischungsimpfungen vorbereiten.

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