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«Die Plastische Chirurgie hat etwas mit Rekonstruktion zu tun»

Die Plastische Chirurgie kann Menschen nach ihrem Geschmack verschönern. Sie kann aber auch Leiden lindern und Menschen in Not helfen. RADIO TOP hat mit einem Facharzt für Plastische Chirurgie über seine Arbeit und seine Einsätze in Krisengebieten gesprochen.

29.01.2021 / 15:51 / von: asl
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Volker Wedler hat in seinem Beruf schon viele Menschen operiert. (Archivbild: interplast-switzerland.ch)

Volker Wedler hat in seinem Beruf schon viele Menschen operiert. (Archivbild: interplast-switzerland.ch)

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Volker Wedler ist Facharzt für Plastische Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Neben seiner beruflichen Tätigkeit in der Privatklinik Bellevue und in Kreuzlingen ist er zusammen mit dem Verein Interplast in Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt unterwegs und operiert zusammen mit seinem Team Menschen in Not.

RADIO TOP hat mit Volker Wedler über Plastische Chirurgie und seine Einsätze in Krisengebieten gesprochen:

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RADIO TOP: Warum hast du dich für eine Karriere in der Plastischen Chirurgie entschieden?

Volker Wedler: Die Plastische Chirurgie hat etwas mit Rekonstruktion zu tun. Das heisst, du möchtest jemanden wieder herrichten nach einem Tumor, Trauma oder auch bei angeborenen Missbildungen. Da hört man schon heraus, dass es etwas sehr Kreatives ist. Und es ist ein langer Weg, denn man behandelt den Patienten länger und muss ihn wieder «herstellen» in der Funktion aber auch in der Ästhetik. Das hat mich schon als Student gereizt. Ich hatte keine andere Vision mehr als für dieses Fachgebiet.

Wie erklärst du dir das Phänomen, dass der Beauty-Boom auch in der Männerwelt angekommen ist?

Der Generationendruck verschiebt sich auf Männer und Frauen. Vor vielen Jahren sagte man noch, dass die Falten des Mannes attraktiv sind und dass der Bauch auf Wohlstand hinweist. Auch bei Frauen aus arabischen und afrikanischen Ländern ist Fülle oder gar Fettleibigkeit auch eher ein Zeichen des Wohlstandes. In unseren Breitengraden und auch in Amerika oder in Asien sieht das anders aus. Der Leidensdruck des Alterns, gerade auch im Zusammenhang mit Medien und der Selbstdarstellung auf Social Media, wird sehr viel grösser. 

Rätst du auch mal von einer Operation ab?

Es gibt verschiedene Gründe, bei denen man sogar abraten muss. Denn Operationen haben auch Komplikationsmöglichkeiten. Aber auch wenn eine Patientin oder ein Patient sich in einer schwierigen Situation befindet. Wenn diese dann zwei oder drei Monate den Entscheid nochmals überdenken können, sind sie vielleicht sogar dafür dankbar, dass man ihnen von der Operation abgeraten hat. Und auch dann, wenn Patientinnen oder Patienten viel zu jung sind.

Ich sehe Patientinnen und Patienten in meiner Sprechstunde und wenn ich ihre Probleme nicht nachvollziehen kann lehne ich Operationen ab. Aber leider gibt es auch genügend Chirurginnen und Chirurgen im In- und Ausland, welche die Operationen durchführen würden. Wenn die Patienten die Operation wirklich wollen, dann finden sie jemanden. 

Was bewegt junge Menschen dazu dich aufzusuchen?

Es gibt beispielsweise Patientinnen, die von Natur aus sehr grosse Brüste haben, welche im Alter von 16 oder 17 bereits belasten. Dann schaut man mit den Eltern, der Gynäkologin oder auch mit dem Kinderarzt zusammen und macht auch Operationen bei jungen Menschen, ohne ihnen davon abzuraten.

Bei der Plastischen Chirurgie denkt man oft an grössere Lippen, keine Falten mehr und ein jüngeres Erscheinungsbild. Aber es gibt auch Menschen, welche die Hilfe der Plastischen Chirurgie benötigen und bei denen es nicht um Verjüngung geht. Volker Wedler operiert in Krisen- und Kriegsgebieten Verwundete aber auch teils entstellte Menschen.

RADIO TOP: Wo auf der Welt leistest du überall Einsätze?

Volker Wedler: Die Krisengebiete, in denen ich Einsätze leiste, befinden sich vor allem in Palästina, Mali, Burkina Faso, Kamerun, neu auch in Madagascar, Ghana und mittlerweile war ich bereits fünf Mal in Jordanien. In Jordanien haben wir an der syrischen Grenze verletzte Flüchtlinge nach Aman gebracht und dort operiert. 

Im Jahr 2020 wurden auch dein Team und du stark von der Corona-Krise getroffen. Ihr wart in Kamerun und konntet nicht mehr nach Hause kommen. Was ist genau passiert?

Seit 1993 leiste ich diese Einsätze. Ich habe in diesen Jahren schon sehr viele schwierige Situationen erlebt, beispielsweise bei Grenz- oder Polizeikontrollen oder auch mit Rebellen und anderem. Der aktuelle Fall in Kamerun war für mich im Nachhinein nachvollziehbar. Aber in dem Moment war es schwierig. Ich kam zwar mit der Situation von Anfang an gut zurecht aber der kamerunische Staat sagte vom einen Tag auf den anderen, es kommt niemand mehr rein oder raus. Man konnte diese Entwicklung gar nicht wirklich nachvollziehen. Wir haben mehrmals versucht das Land zu verlassen doch an keiner Grenze klappte es. Nicht mal Privatjets durften landen.

Wie hat dein Team auf diese Situation reagiert?

In der Gruppe waren zehn Personen. Von Pflegekräften bis zu Anästhesisten hatte ich ein Team von vielen verschiedenen Personen dabei. Und da sind manchmal Menschen mit dabei, die noch nie oder erst sehr wenig bei solchen Einsätzen dabei sind. Meine Sorge war, wie bekomme ich das Team dazu, den Kopf hoch zu halten und manchmal auch mit «Augen zu und durch» zu reagieren.

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