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Stefan Haupt: «Zwingli war eine Art urbaner Typ mit Bodenhaftung»

Ein neuer Schweizer Kinofilm zeigt den Zürcher Reformator Huldrych Zwingli als humorvollen und lebensbejahenden Mann. Stefan Haupt, der Regisseur von «Zwingli», hält den Kirchenmann für komplett unterschätzt.

10.01.2019 / 11:13 / von: mle/sda
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Stefan Haupt, der Regisseur von «Zwingli», hält den Kirchenmann für komplett unterschätzt. (Screenshot: SDA-Video)

Stefan Haupt, der Regisseur von «Zwingli», hält den Kirchenmann für komplett unterschätzt. (Screenshot: SDA-Video)

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Spätestens seit seinem Erfolgsfilm «Der Kreis» (2014) kennen auch nicht-filmaffine Schweizer Stefan Haupt. Keystone-SDA trifft den 57-Jährigen im Kreis 4, wo er sich ein Gemeinschaftsbüro mit anderen Regisseuren wie Christoph Schaub teilt.

Mit «Zwingli» hat Haupt finanziell gesehen einen der grössten Schweizer Filme gedreht; gegen sechs Millionen Franken betrug das Budget. Die Idee stammt nicht vom Regisseur selbst: «Der deutsche Produzent Mario Krebs recherchierte für seinen Film ‹Katharina Luther› und fand irgendwann, Zwingli sei eine wesentlich interessantere Figur als Martin Luther. Und die Schweizer müssten doch endlich über den einen anständigen Film drehen», erzählt Haupt.

Er erfuhr schliesslich vom Projekt, dessen sich inzwischen die Schweizer Produzentin Anne Walser (C-Films) und die Drehbuchautorin Simone Schmid angenommen hatten - und erhielt den Zuschlag.

Mehr als drei Jahre später feierte am Mittwoch ein Historienepos in Zürich Premiere, das eher ungewöhnlich ist für einen Schweizer Film. In mehr als zwei Stunden zeigt Haupt in eindrucksvollen Bildern und mit Liebe zum Detail, wie Zwingli (gespielt von Max Simonischek) 1519 von Einsiedeln ans Grossmünster berufen wird und dort die Reformation ins Rollen bringt.

Einblicke von der Premiere:

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«Lebensbejahend, lustvoll»

Wer sich mit Haupt über Zwingli unterhält, merkt schnell: Der Filmemacher brennt für den Reformator. Er habe den Priester schon vor dem Film für unterschätzt gehalten. «Er hatte eine viel grössere internationale Reichweite als man ihm gemeinhin zuspricht.»

«Zwinglianisch» wird gerne als Synonym als für ein humorloses, sittsames Zürich verwendet. «Für mich hatte dieser Begriff nie etwas mit dem wirklichen Zwingli zu tun», sagt Haupt. Sein Zwingli sei ein «lebensbejahender und lustvoller» Mensch. So inszeniert er ihn auch im Film. Man sieht Zwingli als volksnahen Leutpriester, der sich auch im Wirtshaus wohl fühlt, oder als verständnisvollen Lehrer und leidenschaftlichen Ehemann.


Pfarrer mit Wissensdurst und Haltung

Haupts Begeisterung für den Theologen kommt nicht von ungefähr. Der Regisseur wuchs in einer Familie auf, in der die Kirche eine wichtige Rolle spielte. Als Jugendlicher habe er sich intensiv mit dem Glauben beschäftigt. Erst als junger Mann sei ihm die Religion «ein zu enges Korsett» geworden, von dem er sich befreit habe. Beeinflusst hat ihn der Glaube dennoch: «Ich glaube, unsere Wurzeln prägen uns viel stärker als wir bewusst wahrnehmen.»

Zwingli selbst prägte sein enormer Wissensdurst: Der Sohn eines Gemeindeammanns studierte in Bern, Basel und Wien und beherrschte neben mehreren Musikinstrumenten auch verschiedene Sprachen. Haupt erzählt vom Besuch der Zentralbibliothek in Zürich, wo er Zwinglis Übersetzungen von Bibelstellen in der Hand halten durfte.

«Dort standen hebräische, altgriechische, lateinische und deutsche Textstellen nebeneinander, alle nachweislich in Zwinglis eigener Handschrift. Ich stelle ihn mir vor, wie er bei Kerzenschein Wort um Wort übersetzte und verglich. Wie passioniert muss jemand sein, der das tut?»

Zwingli übersetzte nicht nur die Bibel auf Deutsch, er machte sich auch für die Alphabetisierung stark, damit die Gläubigen lesen konnten, was sie hörten. Und er bekämpfte vermeintlich unumstössliche Gebote wie das Fasten und vor allem das Zölibat. Haupt bezeichnet Zwingli als «eine Art urbaner Typ mit Bodenhaftung».

Das zeigt sich für den Filmemacher nicht zuletzt dadurch, dass Zwingli Position bezog und sich etwa für die Schwächeren einsetzte und das lebte, was er predigte - im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen. Haupt findet das heute noch aktuell: «Die Kirche muss sich wieder mehr einmischen. Wenn wir so hochhalten, dass wir Christen sind, dann müssen wir auch danach handeln.»


Ein Spagat

Die Vorgabe der Produktionsfirma an den Filmemacher war klar: «Zwingli» sollte keine trockene Theologieabhandlung werden, sondern ein spannender Historienfilm für ein breites Publikum. Dennoch sei ihm wichtig gewesen, keinen «plumpen Film» zu drehen - ein Spagat also. Der scheint gelungen, wenn Haupt erzählt, dass er Lob erhält von Theologen und gleichzeitig das Interesse bei den Kinobetreibern enorm ist.

Im Film ist auch Zwingli nicht ohne Fehler. So thematisiert Haupt den brutalen Umgang mit den Täufern und zeigt, wie Zwingli als letzte Option für den Schutz des neuen Glaubens nur noch den Krieg sieht.

Haupt erklärt, es sei ihm wichtig gewesen, «keine überhöhte Heldengeschichte zu erzählen, sondern einen Menschen zu zeigen, der auf der Suche ist, der heftigen Ambivalenzen ausgesetzt ist und gleichwohl versucht, aufrecht zu sein und die bestmöglichen Entscheidungen zu fällen».

Ob Stefan Haupt selbst mit seinem Zwingli-Film die richtigen Entscheidungen getroffen hat, wird sich zeigen. Vorgelegt hat er mit «Der Kreis» zumindest: Die Doku-Fiktion über eine Untergrundorganisation, die sich ab den 50er Jahren für die Rechte von Homosexuellen einsetzte, gewann neben vier Schweizer Filmpreisen internationale Auszeichnungen.

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