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«Es braucht einen Wechsel»

RADIO TOP stellt die sechs Kandidatinnen und Kandidaten für die Schaffhauser Regierungsratswahl Ende August vor. Patrick Strasser (SP) ist der Aussenseiter: Mit seiner Kampfkandidatur greift er den amtierenden FDP-Regierungsrat Christian Amsler frontal an. Im Interview äussert er sich dazu, ob sich ein solcher Frontalangriff in der Schweizer Politkultur überhaupt rechtfertigen lässt.

31.07.2020 / 10:55 / von: sfa
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Patrick Strasser ist 49 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Oberhallau. (Screenshot: TELE TOP)

Patrick Strasser ist 49 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Oberhallau. (Screenshot: TELE TOP)

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Im Kanton Schaffhausen wird am 30. August die Regierung neu gewählt. Fünf Sitze stehen zur Verfügung, sechs Kandidaten stellen sich zur Wahl – darunter die vier ehemaligen Christian Amsler (FDP)Martin Kessler (FDP), Walter Vogelsanger (SP) und Cornelia Stamm Hurter (SVP). Ernst Landolt (SVP) tritt nicht mehr zur Wiederwahl an. Die SVP hat den Unternehmer und Neuhauser Gemeinderat Dino Tamagni aufgestellt, um Landolts Sitz zu verteidigen.

Die SP hat neben ihrem amtierenden Regierungsrat Walter Vogelsanger ausserdem einen zweiten Kandidaten aufgestellt: den früheren Kantonsrat Patrick Strasser. Er greift aber nicht etwa den freiwerdenden Sitz von Ernst Landolt (SVP) an – sondern denjenigen von Christian Amsler (FDP). Seiner Meinung nach hat Amsler von allen amtierenden Regierungsräten den schlechtesten Leistungsausweis.

Patrick Strasser ist 49 Jahre alt und lebt mit seiner Frau in Oberhallau. Er war fast 20 Jahre lang Schaffhauser Kantonsrat – ist aber Anfang 2020 von seinem Kantonsratsamt zurückgetreten. Ausserdem politisierte er je rund sieben Jahre lang als Gemeinderat in Neuhausen am Rheinfall und später in Oberhallau. Patrick Strasser arbeitet in der Klotemer Stadtverwaltung, wo er die Einwohnerdienste und den Sozialbereich leitet.

Patrick Strasser im Interview mit RADIO TOP:

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RADIO TOP: Herr Strasser derzeit setzt sich sie fünfköpfige Schaffhauser Regierung aus vier Bürgerlichen und nur einem SP-Vertreter zusammen. Sie wollen dieses Muster aufbrechen. Aber Hand aufs Herz: Glauben Sie überhaupt selber an Ihre Chancen?

Patrick Strasser: Wenn ich nicht an meine Chancen glauben würde, würde ich nicht antreten. Natürlich: Es ist kein Gratiswahlkampf. Ich habe den Sitz nicht auf sicher – ganz und gar nicht. Es ist nicht einfach – aber die Chancen sind definitiv gegeben!

Ein Sitz wird frei, derjenige von SVP-Regierungsrat Ernst Landolt. Sie greifen aber nicht den freiwerdenden SVP-Sitz an, sondern den Sitz des amtierenden FDP-Regierungsrates Christian Amsler. Warum?

Die SVP ist die wählerstärkste Partei im Kanton Schaffhausen. Ihr stehen zwei Sitze im Regierungsrat zu. Es wäre ein aussichtsloser Kampf, gegen die SVP anzutreten. Die FDP hingegen ist, gemessen an den Wähleranteilen, schwächer als die SP. Hinzu kommt: Mit dem jetzigen Erziehungsdirektor ist ein Mitglied im Regierungsrat, der keine allzu gute Performance hat. Ich bin klar der Meinung: Es braucht einen Wechsel.

Sie sagen also, Christian Amsler macht einen schlechten Job?

Schauen wir uns mal die Volksabstimmungen im Zusammenhang mit dem Erziehungsdepartement an: Das Erziehungsdepartement wollte die Lektionen in der Schule kürzen – das musste via Volksinitiative verhindert werden. Das Erziehungsdepartement wollte die Freifächer an der Kanti kostenpflichtig machen – auch hier musste das Volk eingreifen. Es gäbe weitere Beispiele – die aktuellen Themen wie die Schulzahnklinik muss man gar nicht erst erwähnen… Ein, zwei solche Ereignisse mögen in Ordnung sein, aber es ist eine derartige Häufung von Misserfolgen, dass man es nicht anders sagen kann: Die Performance ist nicht gut.

Widerspricht das nicht dem schweizerischen politischen Anstand, wenn Sie dezidiert eine einzelne Person – also Herrn Amsler – frontal angreifen?

Mir ist ganz wichtig: Es geht mir nicht um die Person von Christian Amsler. Es geht mir sozusagen um eine Mitarbeiterbeurteilung. Auch dort muss man einem Mitarbeiter sagen: Du hast es gut gemacht. Oder eben auch: Du hast es nicht so gut gemacht. Das heisst nicht, dass dieser Mitarbeiter eine schlechte Person ist. Aber es ist ganz klar: Die Arbeit im Erziehungsdepartement erachte ich als nicht befriedigend.

Von Ihrem politischen Widersacher nun zu Ihnen: Wenn Sie die Wahl in den Regierungsrat schaffen – auf welche Themen legen Sie dann den Fokus?

Ich möchte vor allem den jetzigen Fokus der Regierung verschieben. Sie hat nämlich den Fokus, den Kanton Schaffhausen so «wettbewerbsfähig» wie möglich zu machen, indem man versucht, möglichst gute Steuerzahler aus anderen Kantonen oder aus dem Ausland anzulocken. Nur: Alle anderen Kantone tun das auch, die Strategie kann also nicht aufgehen. Ich finde, wir sollten den Fokus wieder viel stärker auf die Leute richten, die bereits hier sind: Unsere 80'000 Einwohnerinnen und Einwohner in Schaffhausen, egal ob alt oder jung, Mann oder Frau, Schweizer oder Ausländer – um diese Leute sollten wir uns schwergewichtig kümmern.

Apropos Wettbewerbsfähigkeit: Zürich ist ein starker Anziehungspunkt, auch die Löhne sind dort höher als in Schaffhausen. Kann Schaffhausen daneben überhaupt punkten?

Schaffhausen kann sehr wohl punkten. Gerade punkto Lebensqualität: Für jüngere Leute mag eine Stadt wie Zürich attraktiv sein. Aber wir haben auch eine hohe Lebensqualität bei uns! Gerade wenn ich an die Grünräume denke. Wir müssen uns dagegen wehren, dass diese weiter zubetoniert werden. Klar, wir haben nicht so hohe Löhne wie in Zürich. Aber dafür haben wir auch tiefere Miet- und Bodenpreise.

Das heisst idealerweise macht man es wie Sie – lebt in Oberhallau und pendelt zur Arbeit nach Kloten?

Das könnte man vielleicht meinen. Finanziell mag das ideal sein. Nur: Oberhallau hat sehr hohe Steuern. Ich bin in diesem Sinne auch der Beweis, dass nicht nur tiefe Steuern Zuzüger anlocken. Es ist aber tatsächlich ein Problem, dass es im Kanton Schaffhausen ab einem gewissen Karriereniveau nicht besonders viele Stellen gibt. Daher gibt es viele gut ausgebildete Leute, die gezwungenermassen nach Zürich pendeln. Ich wäre froh, wenn ich nicht jeden Tag in den Verkehrskuchen rein müsste!

Zurück zu Ihren politischen Themen: Den Klimaschutz haben Sie bisher in diesem Gespräch noch gar nicht erwähnt. Ist der Klimaschutz angesichts der Coronakrise bereits wieder abgeschrieben?

Im Zusammenhang mit der Coronakrise ist der Klimaschutz bestimmt in den Hintergrund geraten – das heisst aber absolut nicht, dass die Thematik nicht brennt! Dank den Klimastreiks ist das Thema auf der Traktandenliste gelandet. Heute gibt es wohl keinen Politiker mehr, der sagt «Klimaschutz interessiert mich nicht». Der wäre sofort weg vom Fenster. Das finde ich richtig so. Wir müssen beim Klimaschutz vorwärts machen. Die langfristigen Folgen werden uns ansonsten negativ beeinflussen. Hier im Klettgau merken wir es jetzt schon: Die zunehmende Trockenheit ist eine grosse Belastung für die Landwirtschaft. Damit müssen wir lernen umzugehen. Und gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass es nicht noch viel schlimmer wird.

Klima hin oder her – die Schaffhauser Wahlen werden hauptsächlich vom Thema Corona bestimmt. Interessiert sich die Bevölkerung überhaupt für den Wahlkampf, oder geht dieser neben Corona beinahe unter?

Es ist doch schön, wenn die Leute sich mal mit etwas anderem als Corona beschäftigen… (lacht) Ich denke auf die Wahl selber hat das kaum Einfluss. Wer sich schon immer für Politik interessiert hat, wird sich auch dieses Jahr für die Wahlen interessieren. Und wer bisher nichts mit Politik am Hut hatte, wird auch dieses Jahr nicht wählen gehen.

Wir kommen nun noch zu einigen Ja-/Nein-Fragen. Soll der Kanton Schaffhausen trotz Coronakrise mehr Geld ausgeben, etwa um die Löhne des Pflegepersonals oder der Lehrpersonen zu erhöhen?

Ja. Nicht trotz, sondern genau wegen der Coronakrise! Um eine Wirtschaftskrise zu überwinden, brauchen die Leute Geld, das sie ausgeben können. Das können sie aber nur dann, wenn auch die Löhne anständig sind. So kurbeln wir den Konsum und die Wirtschaft an.

Braucht es im Kanton Schaffhausen wegen der Coronakrise kurz- oder langfristig eine Steuererhöhung?

Langfristig weiss man das nie… Kurzfristig: nein. Die letzten Jahre haben wir sehr gute Abschlüsse gesehen, es wurden finanzielle Reserven gebildet. Es braucht daher kurzfristig ganz sicher keine Steuererhöhung.

Hat es im Kanton Schaffhausen Platz für Windräder?

Ja klar! Und zwar für grosse Windräder. Ich bin kein Fan von Kleinwindanlagen, die alles zupflastern. Aber es soll einzelne grosse Punkte geben, wie das ja aktuell auf dem Chroobach diskutiert wird.

Soll die Maskenpflicht im ÖV beibehalten werden?

Ja, definitiv.

Müssten Clubs, Veranstaltungslokale etc. wieder geschlossen werden?

Momentan nicht, nein. Aber man muss ein konsequentes Contact Tracing machen.

Sind Sie von Ihrem Zuhause in Oberhallau ins Büro nach Kloten schon einmal mit dem Velo gependelt?

Nach Kloten noch nie, nein. Aber nach Winterthur schon, als ich noch dort gearbeitet habe.

Und wenn Sie in den Regierungsrat gewählt werden: Unternehmen Sie den Arbeitsweg von Oberhallau nach Schaffhausen dann ab und zu mit dem Velo?

Ich weiss nicht, ob ich dort eine Dusche habe… Wenn ja, dann ja!

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