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«Ich bin nie wieder so schnell gerannt»

Vor genau 75 Jahren sind innert weniger als einer Minute fast 400 Bomben auf Schaffhausen niedergeprasselt. 40 Menschen kamen ums Leben. Am Gedenktag versammelten sich Zeitzeugen, Angehörige und Politiker.

01.04.2019 / 17:30 / von: mle/sfa
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Bundesrätin Karin Keller-Sutter (ganz rechts), der Stadtrat Raphaël (2.v.r.), Stadtpräsident Peter Neukomm (2.v.l.) und US-Botschafter Edward T. McMullen legen am Gemeinschaftsgrab Blumen nieder. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Bundesrätin Karin Keller-Sutter (ganz rechts), der Stadtrat Raphaël (2.v.r.), Stadtpräsident Peter Neukomm (2.v.l.) und US-Botschafter Edward T. McMullen legen am Gemeinschaftsgrab Blumen nieder. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Jedes Jahr am 1. April gedenken die Schaffhauser den Opfern des Bombenangriffs. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Jedes Jahr am 1. April gedenken die Schaffhauser den Opfern des Bombenangriffs. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Über 200 Leute haben sich in der Steigkirche zusammengefunden. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Über 200 Leute haben sich in der Steigkirche zusammengefunden. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Bundesrätin Karin Keller-Sutter warnte in ihrere Rede davor, dass Krisen in Europa leicht auch die Schweiz treffen könnten. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Bundesrätin Karin Keller-Sutter warnte in ihrere Rede davor, dass Krisen in Europa leicht auch die Schweiz treffen könnten. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

US-Botschafter Edward T. McMullen spricht sein Bedauern aus. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

US-Botschafter Edward T. McMullen spricht sein Bedauern aus. (Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

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Am 1. April 1944, um 10.50 Uhr, eineinhalb Jahre vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, verirrten sich US-Bomber bei einem Einsatz über Europa: Statt wie geplant im deutschen Ludwigshafen, warfen sie ihre Bomben über Schaffhausen nieder. Der Angriff dauerte gerade einmal 40 Sekunden. Fast 400 Bomben gingen auf die Stadt nieder. Beim folgenschwersten Angriff auf die Schweiz in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaates kamen 40 Menschen ums Leben und über 100 wurden zum Teil schwer verletzt. 300 Menschen verloren ihr Zuhause. Grosse Teile der Stadt lagen in Trümmern, unter anderem der Bahnhof und das Museum zu Allerheiligen.

Jeweils am 1. April läuten in Schaffhausen die Glocken in Gedenken an die 40 Opfer. So auch dieses Jahr. Die Stadt Schaffhausen führte am Montag mit vielen prominenten Gästen aus Politik und Gesellschaft sowie zahlreichen Besucherinnen einen Gedenkanlass zum 75. Jahrestag des Ereignisses durch.

Jakob Ott war 15, als es passierte. Es sei ein wunderschöner Tag gewesen, erinnert er sich: «Der Lehrer hat nach der Pause gesagt: ‹Jetzt machen wir einen Spaziergang, die ganze Schule›. Und dann ging auf einmal der Fliegeralarm los. Wir haben gesehen, wie alles angefangen hat zu brennen. Ich bin in meinem Leben nicht mehr so schnell gerannt wie damals, um nachzusehen, was zu Hause passiert.»

Jakob Ott hatte Glück: Sein Zuhause und seine Familie blieben verschont. Andere hatten weniger Glück. Sie liegen in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Schaffhauser Waldfriedhof. Neben Angehörigen hat sich dort am Gedenktag alles versammelt, was Rang und Namen hat in der Schaffhauser Politik.

Zeitzeuge Jakob Ott erzählt im RADIO TOP Interview vom Bombenangriff auf Schaffhausen:

Audio

Auch Bundesrätin Karin Keller-Sutter war vor Ort. Der Gedenkanlass hat sie berührt: «Das Gedenken per se an diese Situation. Auch dieses Schicksalhafte: Dass man es damals unterschätzt hat, weil es so häufig Bombenalarm gab, dass die Leute offensichtlich nicht mehr daran glaubten. Dann natürlich die persönlichen Begegnungen auf dem Waldfriedhof mit Menschen, die das erlebt haben und die – zu Recht – die Erwartung haben, dass der Staat alles tut, um die Sicherheit der Menschen zu garantieren.»

«Wir sind mitten in Europa. Wir sind keine Insel»

Bundesrätin Karin Keller-Sutter schlug in ihrer Ansprache den Bogen zur aktuellen Situation: «Hoffen wir, dass sich nie wiederholt, was vor 75 Jahren geschah. Aber Krisen und Spannungen in Europa können plötzlich auch die Schweiz betreffen, ob beabsichtigt oder nicht. Davor schützt uns auch unsere Neutralität nicht. Wir sind mitten in Europa. Wir sind keine Insel.»


(Bild: RADIO TOP/Sarah Frattaroli)

Jede Schaffhauserin, jeder Schaffhauser weiss eine Geschichte zu erzählen zum Bombenangriff vor 75 Jahren – auch die Jüngeren. Stadtpräsident Peter Neukomm zum Beispiel hat den Angriff selber nicht erlebt. Dank Geschichten seines Vaters und Grossvaters sei dieser aber dennoch immer präsent gewesen. Und der Gedenktag sei heute aktueller denn je, betont Peter Neukomm: «Es ist ein Mahnmal für uns alle, alles zu tun, um Krieg zu verhindern. Es gibt immer noch an zu vielen Orten auf der Welt kriegerische Auseinandersetzungen, in denen Unschuldige sterben. Und in Europa haben wir wieder Tendenzen, bei denen Fremdenhass, Antisemitismus und Nationalismus aufkommen.»

Deshalb sei der Gedenktag allem voran eines: Ein Zeichen für den Frieden.

Auch TELE TOP war beim Gedenkanlass dabei:

video

Auch der US-Botschafter Edward T. McMullen nahm am Gedenkanlass teil und erläuterte, dass die USA nach dem Ereignis sofort Verantwortung übernahmen und eine Untersuchung der Geschehnisse einleiteten. «Die Vereinigten Staaten bezahlten 4 Millionen Dollar für den Wiederaufbau von Schaffhausen und überwiesen später weitere 14 Millionen Dollar an Entschädigungen an die Schweizer Regierung für Schäden, die den Schweizern während des Krieges entstanden sind,» sagte Botschafter McMullen.

Zum Anlass des 75. Jahrestages der Bombardierung Schaffhausens eröffnet am 6. April im Museum im Zeughaus in Schaffhausen die Sonderausstellung «Bomben auf Schaffhausen».

 

 

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