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«Ich habe meinen Traumjob gefunden»

RADIO TOP stellt die sechs Kandidatinnen und Kandidaten für die Schaffhauser Regierungsratswahl Ende August vor. Martin Kessler (FDP) ist aktuell Regierungspräsident und leitet das Baudepartement. Im Fokus seiner Arbeit steht unter anderem der Umgang mit dem Klimawandel.

31.07.2020 / 17:45 / von: sfa/mma
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Martin Kessler ist seit 2017 Regierungsrat. (Screenshot: TELE TOP)

Martin Kessler ist seit 2017 Regierungsrat. (Screenshot: TELE TOP)

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Im Kanton Schaffhausen wird am 30. August die Regierung neu gewählt. Fünf Sitze stehen zur Verfügung, sechs Kandidaten stellen sich zur Wahl – darunter die vier ehemaligen Christian Amsler (FDP)Martin Kessler (FDP)Walter Vogelsanger (SP) und Cornelia Stamm Hurter (SVP). Ernst Landolt (SVP) tritt nicht mehr zur Wiederwahl an.

Die SVP hat Dino Tamagni aufgestellt, um Landolts Sitz zu verteidigen. Die SP greift ausserdem mit dem früheren Kantonsrat Patrick Strasser den Sitz von Christian Amsler (FDP) an. RADIO TOP stellt die sechs Kandidatinnen und Kandidaten vor.

Martin Kessler ist 52 Jahre alt und sitzt seit drei Jahren für die FDP in der Schaffhauser Regierung, wo er aktuell das Baudepartement leitet. Davor politisierte er rund zehn Jahre lang im Schaffhauser Kantonsrat. 2015 kandidierte er ausserdem als Nationalrat, schaffte die Wahl allerdings nicht. Bevor die Politik zum Beruf wurde, arbeitete Martin Kessler als Geschäftsleiter und Maschinenbauingenieur in seinem eigenen Industrieunternehmen. Er lebt seit seiner Kindheit in Trasadingen und ist Vater von zwei Töchtern.

Martin Kessler im Interview mit RADIO TOP:

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RADIO TOP: Herr Kessler, gegen die FDP wurde letztes Jahr wiederholt der Vorwurf laut, sie ziehe sich ein «grünes Mäntelchen» über. Dieses Jahr ist der Klimaschutz angesichts der Coronakrise in den Hintergrund geraten. Hat die FDP das grüne Mäntelchen nun schlicht wieder abgelegt?

Martin Kessler: Ich persönlich gehöre zu denjenigen Vertretern innerhalb der Freisinnigen, die sich gar nicht erst ein grünes Mäntelchen anziehen mussten, sondern die schon immer bewusst mit der Umwelt umgegangen sind. Ich habe bereits 2011 eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach meines Hauses und auf dem Dach meiner Firma montiert. Ich fahre seit 2017 ein Elektroauto. Diese Themen lagen mir schon immer am Herzen.

Mittlerweile sind Sie Baudirektor des Kantons Schaffhausens – was tun Sie in dieser Funktion, um den Klimawandel aufzuhalten oder um den Kanton auf den Klimawandel vorzubereiten?

Wir sind gerade in der Baugesetzrevision. Das wird dazu führen, dass neue Gebäude viel energieeffizienter werden. Auch ältere Gebäude, die saniert werden, werden weniger CO2 ausstossen. Wir binden die fossilen Energien massiv zurück. Das wiederum führt aber dazu, dass wir mehr Strom verbrauchen werden. Deshalb setzen wir uns im Kanton Schaffhausen dafür ein, die erneuerbaren Energien auszubauen.

Müssen die Schaffhauserinnen und Schaffhauser also damit rechnen, dass ihre Dächer mit Solaranlagen bedeckt werden, dass der Kanton mit Windrädern zugepflastert wird und dass es am Rheinfall ein neues Wasserkraftwerk gibt?

Für mich ist ein Haus mit einem Solardach nicht per se hässlich. Das kann man auch sehr schön bauen. Mich würde es tatsächlich freuen, wenn unsere Dächer uns nicht nur vor Wind und Wetter schützen würden, sondern gleichzeitig auch Energie produzieren würden. Das kann man auch denkmalpflegerisch verträglich umsetzen. Wir müssen aber auf jeden Fall nicht damit rechnen, dass der Kanton Schaffhausen mit Windrädern zugepflastert wird. Nach Möglichkeit wird es einen Windenergieproduktionsstandort in Hemishofen geben. Aber es wird nicht auf jedem Hügel im Kanton ein Windrad stehen. Bei der Wasserkraftnutzung setzt der Kanton tatsächlich einen Fokus auf die Orte, wo ein grosses Potenzial vorhanden ist. Schlussendlich landet man also tatsächlich beim Rheinfall.

Der Klimawandel macht sich heute schon bemerkbar – wir erleben aktuell zum Beispiel eine Hitzewelle. Braucht es im Kanton Schaffhausen Massnahmen, um die Leute vor der zunehmenden Hitze zu schützen?

Man muss zwischen Wetter und Klima unterscheiden. Was wir jetzt erleben, ist in meinen Augen schlicht ein schöner Sommer. Durchlüftung, Freiräume und Grünräume sind natürlich wichtige Themen – aber wir müssen hierbei die Situation im Kanton Schaffhausen betrachten: Neben der Stadt Schaffhausen gibt es bei uns ja keine grösseren Städte, wo solche Themen wirklich relevant sind. Wir sind durch unsere Grösse in der Lage, dass wir innert fünf Minuten im Grünen draussen sind.

Die Hitzeproblematik ist also nicht dringend – sind es vielleicht die Herausforderungen in der Landwirtschaft, die seit Jahren zunehmend mit der Trockenheit kämpft?

Ich sehe es aktuell in meiner Wohngemeinde Trasadingen: Dort bewässern viele Rebbauern tägliche ihre Pflanzen. Das gab es früher nicht, höchstens mal in einer Extremsituation. Nun stellt sich natürlich die Frage: Woher kommt das Wasser? Gerade auch im Klettgau, in der Kornkammer Schaffhausens. Wir machen uns entsprechende Gedanken: Wir arbeiten in Zusammenarbeit mit einer Hochschule an einer Studie, die untersucht, ob wir genügend Wasservorräte haben, um die Landwirtschaft entsprechend zu bewässern, oder ob wir damit unser Grundwasser zu stark belasten. Falls Letzteres der Fall ist, muss sich allenfalls auch die Landwirtschaft neu orientieren und zum Beispiel mit resistenteren Pflanzen arbeiten.

Neben dem Klimawandel bewegt innerhalb Ihres Departements insbesondere die Zersiedelung. Die Schaffhauserinnen und Schaffhauser haben letztes Jahr über die Bodeninitiative abgestimmt. Diese wurde zwar abgelehnt, allerdings nur knapp. Offenbar ist es also ein grosses Anliegen, dass man nicht alle Grünflächen zubetoniert. Wir garantieren Sie das?

Genau dafür haben wir eine entsprechende Gesetzgebung und eine entsprechende Siedlungspolitik. Ich denke, das funktioniert gut. Das knappe Abstimmungsresultat ist aber tatsächlich ein Ausdruck der Sorge der Leute, welche die Landschaft mögen und entsprechend erhalten möchten. Bei mir als Baudirektor landen ja auch alle Rekursfälle und dort spüre ich schon, wie ein Kampf um jeden Quadratmeter Bauland entflammt ist. Ich habe manchmal das Gefühl, es gibt keine Bauausschreibung mehr, die nicht zu einem Streit führt. Wenn jemand selber bauen will, dann ist er der Meinung: Das ist Bauland, ich will diese Wiese überbauen, habe sie aus diesem Grund gekauft. Die Nachbarn auf der anderen Seite wollen die Wiese unbedingt erhalten, wollen sich die Aussicht nicht verbauen lassen. Das gegenseitige Verständnis ist klein, der Egoismus dafür manchmal ziemlich gross.

Auf Ihrer Webseite zeigen Sie sich prominent mit Petra Gössi, FDP-Parteipräsidentin. Ist das ein Zeichen dafür, dass Sie früher oder später in die nationale Politik nach Bern wechseln wollen?

(lacht) Das Bild ist vor vier Jahren entstanden, als Petra Gössi zum Wahlauftakt nach Thayngen gekommen ist. Bern ist für mich aktuell überhaupt kein Thema. Ich habe hier meinen Traumjob gefunden, den ich mit Leib und Seele mache – und wenn möglich auch noch eine weitere Legislatur weitermachen möchte!

Wir kommen nun noch zu einigen Ja-/Nein-Fragen: Sollte der öffentliche Verkehr gratis sein, zum Beispiel für Jugendliche?

Nein, denn mit einem Gratisangebot würde man einen falschen Anreiz setzen. Ziel ist ja nicht, noch mehr Mobilität zu generieren. Man will vielmehr die Mobilität vom motorisierten Individualverkehr hin zum öffentlichen Verkehr verlagern. Aber Leute, die bisher zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs waren, sollen keine Anreize erhalten, um auf den ÖV umzusteigen – das wäre komplett falsch.

Braucht es in der Stadt Schaffhausen mehr Freiräume, die komplett autofrei sind?

Nein. Wir haben eine sehr schön ausgebaute Fussgängerzone. Ich sehe aber noch Potenzial für den Langsamverkehr, zum Beispiel bei der Verbindung einzelner Quartiere mit Velowegen.

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