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«Ein rationales Motiv ist in solchen Fällen nicht auffindbar»

Selbst forensische Psychiater, welche regelmässig mit Gewaltstraftätern zu tun haben, sind über den Fall in Frankfurt schockiert. Ein Psychiater erläutert die möglichen Hintergründe des Delikts.

30.07.2019 / 17:54 / von: sfa/mle
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Selbst forensische Psychiater, welche regelmässig mit Gewaltstraftätern zu tun haben, sind über den Fall in Frankfurt schockiert. (Screenshot: n-tv)

Selbst forensische Psychiater, welche regelmässig mit Gewaltstraftätern zu tun haben, sind über den Fall in Frankfurt schockiert. (Screenshot: n-tv)

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Am Montag hat ein 40-jähriger Mann in Frankfurt zwei Menschen vor einen einfahrenden Zug geschubst.

Ein 8-jähriger Knabe kam dabei ums Leben, seine Mutter konnte sich im letzten Moment retten.

Am Dienstag wurde bekannt, dass der mutmassliche Täter in der Schweiz wohnhaft ist, genauer in Wädenswil im Kanton Zürich. Die Kantonspolizei Zürich hatte seit letzter Woche nach ihm gefahndet. Dies, weil er seine Frau und die drei Kinder in die gemeinsame Wohnung gesperrt und anschliessend eine Nachbarin mit einem Messer bedroht und tätlich angegriffen hatte.

Die Tat überrascht selbst forensische Psychiater, welche sich mit der Therapie von Gewaltstraftätern beschäftigen. Thomas Knecht, Leitender Arzt der Fachstelle Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden in Herisau, nimmt Stellung zu den möglichen Hintergründen der Gewalttat.

Thomas Knecht im Interview mit RADIO TOP:

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RADIO TOP: Der mutmassliche Täter war seit diesem Jahr in psychiatrischer Behandlung – was muss mit der Psyche eines Menschen geschehen, damit er zu solch einer Tat fähig wird?

Thomas Knecht: Man kann mit Sicherheit sagen, dass der Mann über einen Aggressionspegel verfügte, den er mit seinen eigenen Mitteln nicht mehr kontrollieren konnte. Aggression ist etwas natürliches, um Konflikte zu lösen. Aber es können sich auch Aggressionszustände aufbauen, die gar nicht mehr auf einen Konflikt angewiesen sind. Dann bietet sich jedes beliebige Opfer an, um die Aggression zu entladen – auch ohne äussere Konfliktsituation.


Was sind mögliche Auslöser für ein derart überhöhtes Aggressionspotential?

Die Aggression kann sich beispielsweise durch Isolation, Dichtestress und Provokation steigern. Auch stoffliche Einflüsse können eine Rolle spielen: Alkohol, Kokain, Amphetamine oder Speed. Dann gibt es auch eine Reihe psychopathologischer Ursachen, welche dazu führen, dass die Hemmschwellen wegfallen. Ein Beispiel: Ein Hirnschaden, zum Beispiel von einem Unfall, der Defekte hinterlässt, sodass man die Aggression nicht mehr kontrollieren kann. Die Aggression sucht dann einfach einen Weg nach aussen und entlädt sich am nächstbesten Opfer.


Die Aggression baut sich also in einem Prozess auf. Wäre es auch denkbar, dass ein vollständig gesunder Mensch von einem Tag auf den nächsten zu solch einer Tat fähig wäre?

Es wäre sehr erstaunlich, wenn jemand gar keine Vorboten einer solchen Gewaltentladung zeigen würde. Für gewöhnlich gibt es im Vorfeld zumindest schwächere Erscheinungsformen. Dass eine solche Tat aus heiterem Himmel kommt, ist mir nicht bekannt.


Ist ein Mensch, der eine solch schwere Tat begeht, heilbar?

Das kommt auf die Auslöser an. Wenn jemand zum Beispiel in einem schweren Verkehrsunfall seine Hirnlappen eingebüsst hat, dann bleibt dieses Defizit bestehen. In diesem Fall muss man durch die Gestaltung der Umgebung dafür sorgen, dass es nicht zu Wiederholungsfällen kommt. Das heisst im Extremfall die Unterbringung in einer geschlossenen Station. In anderen Fällen, wenn etwa eine Psychose verantwortlich war, gibt es heute eine ganze Auswahl von Medikamenten, sogenannten Antipsychotika. Diese sorgen dafür, dass das Gehirn wieder in den Normalzustand versetzt wird, damit die Selbstkontrolle wieder funktioniert.


Handelt es sich beim vorliegenden Fall aus forensisch-psychiatrischer Sicht um eine Ausnahmeerscheinung?

Aussergewöhnlich ist die Schwere des Falles. Ein Kind zu töten, dessen Mutter beinahe zu töten, und dies durch einen Fremden, ist sehr selten. Ein Kind sendet anti-aggressive Signale aus. Unter halbwegs normalen Verhältnissen kommt es nicht zu einer solchen Tat. Kind-Mutter-Kombinationen sind eigentlich keine Zielgruppe für solch brutale Angriffe. Ich habe es als Gutachter aber durchaus auch schon erlebt, dass Menschen ohne jegliches erkennbares Motiv auf jemanden losgehen, nur um ihren Aggressionsstau abzubauen. Wer in den Fokus der Aggression gerät, hängt dann schlicht davon ab, wer sich gerade in der Nähe befindet. Und dann kann alles Mögliche passieren: Vielleicht entwischt jemand, vielleicht wird er niedergestochen oder spitalreif geprügelt. Ein rationales Motiv ist in solchen Fällen nicht auffindbar.

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