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Die zweifache einmalige Chance der Innerschweizer

Wann, wenn nicht an diesem Wochenende in Zug, werden die Innerschweizer endlich ihren zweiten Schwingerkönig in der 124-jährigen Geschichte der Eidgenössischen Feste stellen?

20.08.2019 / 04:00 / von: sda
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Die Youngster Joel Wicki und Pirmin Reichmuth bringen alles mit, was es braucht.

Die trockene Statistik offenbart eines der Phänomene des Schwingsports. Der Innerschweizer Verband ISV, der mit Abstand grösste der fünf Teilverbände, brachte an den 44 Eidgenössischen Festen seit 1895 ein einziges Mal einen Schwingerkönig hervor. Gewiss, der Triumph des Küssnachters Heinrich "Harry" Knüsel ist denkwürdig. 1986 beendete er im Schlussgang unter dem aufbrausenden Jubel der meisten Fans in der Arena von Sitten die lange Regentschaft von Ernst Schläpfer, dem König von 1980 und 1983.

Aber von diesem einen Triumph hat das Innerschweizer Schwingen nicht gelebt. Der Innerschweizer Verband ist gut anderthalb Mal so gross ist wie der Berner Verband, der 26 Mal den König gestellt hat, zuletzt dreimal am Stück.

Schaut man nur auf die letzten 30 Jahre zurück, sieht man, dass es den Innerschweizern an Talent und Können nie gefehlt hat. Eugen "Geni" Hasler ist in vieler Augen der beste Schwinger der Geschichte ohne Königstitel. Der Schwyzer aus Galgenen scheiterte zweimal im Schlussgang: 1989 in Stans trotz anfänglicher Überlegenheit am blutjungen Berner Adrian Käser, 1995 in Chur nach einem bis heute umstrittenen Kampfrichterurteil am Appenzeller Thomas Sutter.

Die Schwyzer Brüder Adrian und Philipp Laimbacher gehörten zu den Besten ihrer Zeit. Aber besonders der Muotathaler Heinz Suter und der Rothenthurmer Martin Grab wären würdige, verdiente Schwingerkönige gewesen. Ihnen standen jedoch in der Zeit von 1998 (Bern) bis 2007 (Aarau) die mit ganz Bösen gesegneten Nordostschweizer (Jörg Abderhalden, Arnold Forrer, auch Stefan Fausch) vor der Sonne.

Die jeweilige Stärke der gegnerischen Verbände allein vermag die Innerschweizer Titelarmut über viele Jahrzehnte nicht zu erklären. Vielleicht bringt eine Aussage von Eugen Hasler Licht ins Dunkel. Im Rückblick auf das Eidgenössische 1989 sagt er: "Die Betreuung in unserem Verband war relativ schlecht. Unsere Schwinger waren nicht beisammen. Die besten Innerschweizer Schwinger waren damals die Zuger. Aber sie waren nie zusammen mit uns anderen im Zelt."

Tatsächlich ist die schwingerische Rivalität unter den Innerschweizer Kantonen ungewöhnlich gross. Schwyzer gegen Zuger, Nidwaldner gegen Luzerner oder sogar gegen Obwaldner. Vielleicht ist es nicht einmal übertrieben, wenn man sagt, dass ein Schwyzer den Königstitel eher einem Berner gönnen würde als einem Luzerner. Bis vor wenigen Jahren gab es im ISV ein Regulativ, das zum Beispiel die Luzerner Schwinger von anderen Innerschweizer Kantonalfesten ausschloss. Das ist heute behoben. Wie in allen übrigen Teilverbänden kann jeder Innerschweizer Schwinger pro Jahr an vier Kantonalfesten respektive Gauverbandsfesten teilnehmen. Bei dieser überfälligen Begradigung wirkte der Eidgenössische Technische Leiter Samuel Feller, notabene ein Berner, als Moderator.

Feller ist es auch, der auf eine scheinbare Kleinigkeit hinweist: Die Berner, ob Schwinger oder Fans, fahren mit den Kontrollschildern BE nach Zug. In der Innerschweizer Parkplatzzone wird man LU, NW, OW, UR, ZG und SZ entdecken. Gibt es im Berner Verband eine Rivalität zwischen den Emmentalern und den Oberaargauern, so ist diese klein und vielleicht kaum noch zu spüren.

Wenn man heute die erstklassigen Innerschweizer Trümpfe hört, darf man guten Mutes sein, dass auch die atmosphärischen Störungen in der Urschweiz abklingen. Der Entlebucher (Luzerner) Joel Wicki sagt über den Chamer (Zuger) Pirmin Reichmuth: "Pirmin ist für mich kein Rivale. Wir sind Kameraden. Wir kennen uns gut, wir gehen zusammen an Autogrammstunden. Wir pushen uns gegenseitig, jeder will immer in bisschen mehr, auch im Training."

Aus Reichmuths Mund tönt es nicht viel anders: "Ich glaube, dass der Innerschweizer Verband heute eine Einheit ist. Heute will jeder mit dem Team etwas erreichen. Manchmal braucht es halt frischen Wind, einen Generationenwechsel." Reichmuth verweist auf den Brünig-Schwinget von Ende Juli, den er gewann und an dem die Innerschweizer als Mannschaft den Bernern eine schwere Niederlage zufügten: "Wir konnten mit dem ganzen Innerschweizer Team gegen die Berner stark auftreten. Es gab bei uns eine gute Team-Dynamik."

Reichmuth und Wicki sind derzeit die Besten der jungen Guten. Harry Knüsel müsste in Zug nach 33 Jahren einen Nachfolger aus den eigenen Reihen finden. Es besteht eine doppelte Chance. Alles ist also parat, wären da nicht die Nordostschweizer Samuel Giger und Armon Orlik, die das Quartett der Besten der jungen Guten vervollständigen.