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Eine Frage des Charakters

Die Rapperswil-Jona Lakers zeigen sich zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg in die National League wesentlich konkurrenzfähiger. Das ist nicht zuletzt eine Frage des Charakters.

10.10.2019 / 10:00 / von: sda
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Der Gang ist eng, links vom Eingang stapeln sich in einem Abstellraum ohne Tür Kartonschachteln. Die Geschäftsstelle der SC Rapperswil-Jona Lakers ist nichts für Blender. Sie macht gleich klar: Hier zählt solide Arbeit mehr als eine noble Erscheinung. Das passt zu einem Verein und einer Mannschaft, die kleine Brötchen backt, aber über sich hinauswachsen will. Nach gut einem Fünftel der aktuellen Meisterschaft ist man am Obersee dem Ziel Playoffs schon mal deutlich näher als vor einem Jahr.

In der Aufstiegssaison wiesen die Lakers nach zehn Spielen nur gerade einen Sieg (drei Punkte) und eine Tordifferenz von 9:32 auf. Nun haben die St. Galler zum gleichen Zeitpunkt fünf Siege und zwölf Punkte auf dem Konto. Sie liegen nur einen Zähler hinter dem Titelverteidiger Bern auf dem 9. Platz, haben 22 Treffer geschossen und 27 erhalten. Die Bilanz ist also in allen Belangen besser als letzte Saison, als man am Ende nur deshalb um die Ligaqualifikation herum kam, weil Swiss-League-Meister Langenthal verzichtete.

"Wir sind in etwa da, wo wir es uns erhofft haben", sagt Sportchef Janick Steinmann. Doch er schiebt sofort nach: "Wir sind dennoch unter dem Strich, wir haben noch nichts Weltbewegendes erreicht." Egal, ob man Zürich, Bern, Rapperswil oder Langnau sei, der Anspruch müsse immer der gleiche sein. "Im Sport musst du immer gewinnen wollen", betont der ehemalige Center von Zug, Davos, Kloten und Lugano mit 496 NLA-Spielen.

Cervenka und Rowe zwei der Schlüssel

Zwei Spieler sind für Coach Jeff Tomlinson der wichtigste Grund, warum sein Team in dieser Saison öfter gewinnt als vor einem Jahr: Roman Cervenka und Andrew Rowe. Der Tscheche, einer der begabtesten Spieler auf Schweizer Eis, war bei den ZSC Lions nach einer verletzungsgeplagten Saison nicht mehr erwünscht. Bei den Lakers fand er seine Treffsicherheit wieder. Cervenka erzielte in drei Spielen in Folge in der Verlängerung das Siegestor. Wie wertvoll er ist, zeigt sich aktuell. Seit er sich erneut verletzt hat, hat der SCRJ nur eines von fünf Spielen gewonnen.

Andrew Rowe war vor dieser Saison einer der grossen Unbekannten. Der Amerikaner aus dem Hockey-Staat Michigan ("Wir sind so nahe an der Grenze, dass wir fast schon Kanadier sind") war mit Mora aus der schwedischen SHL abgestiegen und suchte eine neue Herausforderung. Er hätte ohne Probleme einen anderen Klub in Skandinavien gefunden. Lachend erinnert sich Tomlinson an ein Gespräch mit dem General Manager eines schwedischen Klubs: "Holt ihn weg von hier", habe dieser gesagt. Er wolle nicht mehr gegen Rowe spielen.

Tatsächlich hinterliess der 31-Jährige auch in Rapperswil sofort einen nachhaltigen Eindruck. "Er ist ein Charakter-Typ, ein geborener Leader", schwärmt Tomlinson. "Wenn er in einen Raum tritt, spürt jeder seine Aura." Das Team wählte den Neuen prompt zum Captain. Eine Wahl, die natürlich vom Coach bestätigt werden musste, was dieser noch so gerne tat. "Ich bin super begeistert über die Wahl."

Sportchef Steinmann hört den Begriff Königstransfer allerdings nicht gerne. Er erwähnt zum Beispiel Nico Dünner, der aus der Swiss League von Langenthal kam. "Was er in jedem Einsatz leistet, ist beeindruckend und extrem wichtig für die Mannschaft." Auch bei ihm fällt das Wort "Charakter" mehr als einmal. "Wir sind ähnlich wie Ambri oder der SCL abhängig von guten Charakteren. Wir brauchen alle, um zu gewinnen." Es ist kaum Zufall, dass Steinmann Ambri und die SCL Tigers als Beispiel nennt. Die beiden Teams schafften im letzten Jahr mit relativ bescheidenen Budgets überraschend die Playoffs und sind damit ideale Vorbilder für Rapperswil-Jona.

Dass es dies noch immer mit Jeff Tomlinson an der Bande tut, passt zur unaufgeregten Art am Oberen Zürichsee. Er hätte die letzte Saison mit 46 Niederlagen in 61 Spielen wohl in keinem anderen Klub überstanden. "Chapeau. Es ist stark vom Management, dass es ihm immer den Rücken gestärkt hat", sagt Steinmann, der daran noch nicht beteiligt war. Er trat seinen Job erst im Mai dieses Jahres an.

"Ja und nein", meint Tomlinson selber auf die Frage, ob ihn das überrascht habe. "Es ist nicht normal, aber sie kannten auch die Umstände." Er findet auch, dass die Medien sehr objektiv über die sportliche Situation berichtet hätten. Das unterscheide die Schweiz von Deutschland, wo er einen grossen Teil seiner Spielerkarriere verbracht und in Berlin, Düsseldorf und Nürnberg als Trainer gearbeitet hatte, ehe er vor gut vier Jahren nach Rapperswil wechselte. "Die Schweiz ist eine Hockey-Nation, die Leute verstehen viel mehr von Hockey."

Den Aufstiegs-Blues überwunden

Der gebürtige Kanadier mit deutschem Pass glaubt, im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg einiges dazu gelernt zu haben. "Letztes Jahr hatten wir eine Art Aufstiegs-Blues", erklärt er. "Weil wir im Cup (die Lakers waren im Aufstiegsjahr auch Cupsieger) viele A-Teams zum Teil deutlich geschlagen hatten, dachten viele, das gehe so weiter. Der Alltag ist aber viel härter." Daran haben er und seine Spieler sich nun besser gewöhnt.

Übermütig wird beim SCRJ aber keiner. "Wir werden nie der Liga-Krösus sein", ist sich Sportchef Steinmann im Klaren. Deshalb investiert man bei den Lakers auf allen Ebenen lieber in Charakter als in Glamour und schönen Schein.