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Ehemaliges Heimkind verklagt den Thurgauer Regierungsrat

Der Österreicher Walter Nowak ist ein ehemaliges Heimkind des Klosters in Fischingen, das damals misshandelt wurde. Er fordert rund 1,4 Millionen Franken vom Thurgauer Regierungsrat, weil dieser seine Aufsichtspflicht gegenüber dem Kinderheim nicht wahrgenommen habe.

09.10.2019 / 06:19 / von: vsa
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In diesem Kloster, das heute als Hotel genutzt wird, war damals das Kinderheim. (Screenshot: Google Maps / Seminarhotel Kloster Fischingen)

In diesem Kloster, das heute als Hotel genutzt wird, war damals das Kinderheim. (Screenshot: Google Maps / Seminarhotel Kloster Fischingen)

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Während den 60er- und frühen 70er-Jahren lebte Walter Nowak im Kinderheim im Kloster Fischingen. Wie die «Thurgauer Zeitung» berichtet, fordert er nun vom Thurgauer Regierungsrat rund 1,4 Millionen Franken als Entschädigung für das, was er damals durchmachen musste.

Sein Anwalt Philip Stolkin begründet die Klage mit den schweren körperlichen und sexuellen Misshandlungen, unter denen Nowak leiden musste. Ausserdem gehörte er zu den Kindern, an denen der Münsterlinger Psychiater Roland Kuhn illegal Medikamente getestet hat.

Nowak war in seiner damaligen Situation ein leichtes Opfer für die Straftäter. Seinen Vater lernte er nie kennen, seine Mutter hatte ein starkes Alkoholproblem und von seinem Stiefvater wurde er abgewiesen. Er stand alleine da und war den Misshandlungen hilfslos ausgesetzt.

Die Hilfe des Staates wäre wohl seine letzte Rettung gewesen. Doch die kam ihm nicht zu Hilfe. Obwohl 1942 im Eidgenössischen Strafgesetzbuch geregelt wurde, dass erzieherische Anstalten eine staatliche Aufsicht brauchen, wurde Nowak im Stich gelassen. Denn zu seiner Zeit war das Heim unter der Leitung des privaten Vereins «St.Iddazell». Der Kanton Thurgau hat die Aufsichtspflicht über Kinderheime 1946 zwar ebenfalls ihm Gesetz verankert. Wie diese auszusehen hat, wurde aber erst 30 Jahre später geregelt. Zu spät für Walter Nowak.

Die schlimmen Erlebnisse, die er im Kinderheim durchlebt hat, begleiten ihn bis heute. Sein Anwalt Philip Stolkin sagt gegenüber der «Thurgauer Zeitung»: «Wäre der Kläger in Fischingen nicht geschlagen und gedemütigt worden, litte er heute nicht an einem komplexen, posttraumatischen Belastungssyndrom.»

Heute ist Walter Nowak 60 Jahre alt und IV-Empfänger. Körperliche und psychische Probleme haben ihn aufgrund der Zeit in Fischingen sein Leben lang begleitet. Um seine Depression zu kompensieren, überschritt er Grenzen im Sport. Das führte zu Unfällen und diese wiederum zu beruflicher und körperlicher Einschränkung. Nowaks Anwalt hat hochgerechnet, wie viel Geld ihm dadurch entgangen ist. Bei einem durchschnittlichen Netto-Monatslohn von 5000 Franken, dem Lohn einer Haushaltshilfe, auf die er angewiesen ist und einer Genugtuung von 131‘000 Franken sind das rund 1,4 Millionen Franken. Dieser Betrag verlangt er vom Thurgauer Regierungsrat.

Das Anliegen von Nowak ist der Thurgauer Regierung bereits seit vier Jahren bekannt. Die Klage kommt jetzt auf den Tisch, weil die Untersuchungen bezüglich Medikamententests unter der Leitung des Münsterlinger Psychiaters Roland Kuhn vor Kurzem soweit abgeschlossen wurden. 

Ein Problem seiner Klage dürfte aber die Verjährung sein. Er kommt erst jetzt damit an die Öffentlichkeit, weil er laut Aussage seines Anwalts jahrelang verdrängt hatte, was damals genau passierte. Jetzt ist er aber bereit, den Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, sollte der Regierungsrat nicht wie erhofft reagieren.

 

 

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