Pull down to refresh...
zurück

Corona-Arbeitsverbot vergrösserte Machtgefälle im Sexgewerbe

Das im Zuge der Corona-Pandemie verordnete Arbeitsverbot hat Sexarbeitende in der Stadt Zürich in eine prekäre Lage gedrängt. Wer trotz Verbot weiterarbeitete, erfuhr eine Machtverschiebung zugunsten der Freier.

13.01.2022 / 10:21 / von: ame/sda/yho
Seite drucken Kommentare
0
Die negativen Effekte für die Sexarbeitenden hätten gegenüber den positiven überwogen. (Archivbild: KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA)

Die negativen Effekte für die Sexarbeitenden hätten gegenüber den positiven überwogen. (Archivbild: KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA BELLA)

0
Schreiben Sie einen Kommentar

Das zeigt eine Studie des Departements Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), für welche die Forschenden Interviews mit 14 Fachpersonen sowie 11 Sexarbeitenden durchgeführt haben. Die Untersuchung bezog sich auf die Situation in der Stadt Zürich.

RADIO TOP hat mit der ZHAW, sowie mit der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration über die Studie gesprochen:

audio

So ging aus den Befragungen hervor, dass Sexarbeiterinnen und -arbeiter Nötigungs- und Betrugsversuchen ausgesetzt gewesen seien als vor der Pandemie. Auch Aggressionen und Gewalt nahmen demnach zu. Solche Taten konnten nicht eingeklagt werden, ohne dass sich die Sexarbeitenden selbst belastet hätten. Zudem mussten «mangels Alternativen» auch Freier bedient werden, die vor der Pandemie abgelehnt worden wären.

Machtungleichgewicht verschärft

Ausnahmslos alle interviewten Sexarbeitenden erlebten durch die Massnahmen finanzielle Einbussen und Engpässe. Weil ein Grossteil von ihnen aufgrund dieser prekären Situation trotz Verbot weiterarbeitete, sei das Angebot nicht im gleichen Masse wie die Nachfrage gesunken, stellen die Forschenden fest. Denn viele Freier – insbesondere ältere Personen aus Risikogruppen – hätten sich vor einer Ansteckung gefürchtet.

Die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration sei mit der Betreuung und der Beratung von Sexarbeitenden im Dauereinsatz gewesen. «Durch die Pandemie sei das Ungleichgewicht bei verletzlichen Personen grösser geworden», erklärt Lelia Hunziker Geschäftsführerin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. Sie befürchtet auch Langzeitfolgen wegen der Pandemie. «Neben der Verunsicherung, haben die Betroffenen auch viel Vermögen verloren, weil Sie dieses als Erwerbsersatz einsetzen mussten». Zudem haben viele Sexarbeitende unter gesundheitlichen Problem gelitten, stellt Lelia Hunziker weiter fest.

Zudem gaben die Befragten mehrfach an, dass andere Sexarbeitende aus finanzieller Not die Preise drücken würden. Damit wäre es auch ohne kantonal erlassene Verbote zu einer deutlichen Verschiebung der Verhandlungsmacht zu Ungunsten der Sexarbeitenden gekommen, schreiben die Forschenden. Die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus hätten dieses Ungleichgewicht zusätzlich verschärft.

Kein erneutes Berufsverbot

Die Forschenden bemängeln die unübersichtliche und unkoordinierte Situation, nachdem der Zürcher Regierungsrat das Arbeitsverbot verordnet hatte. Das Durcheinander entstand demnach, weil er die Unterstützung von Sexarbeitenden Kommunen und Privaten überlassen habe. Auch der Vollzug sei uneinheitlich und unübersichtlich gewesen.

Landesweit dauerte das Sexarbeitsverbot im Kanton Zürich am längsten. Es wurde zuerst vom 17. März 2020 und dem 5. Juni 2020 sowie erneut zwischen dem 8. Dezember 2020 und dem 31. Mai 2021 verhängt.

Beruhend auf den Studienergebnissen empfehlen die Autoren, in einem ähnlichen Fall kein Prosititutionsverbot mehr auszusprechen. Die negativen Effekte überwögen gegenüber den positiven, «insbesondere beim Versuch des Contact-Tracings mittels Registrierung der Kunden», sagte Studienleiter Michael Herzig gemäss einer Mitteilung der ZHAW. Sinnvoller wäre es, resümieren die Forschenden, Massnahmen zu entwickeln, die auf die Situation im Sexgewerbe abgestimmt sind und darum auch umgesetzt werden können.

Beitrag erfassen

Keine Kommentare