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«In der Welt sieht es derzeit düster aus. Aber ich habe Hoffnung, dass es gut kommt»

Adriana Puente ist Umweltschützerin und Mitgründerin des Unverpackt-Ladens «bare Ware» in Winterthur. Im Interview spricht sie über den Laden und ihre Mission.

10.12.2019 / 05:00 / von: mle
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Die 40-jährige Adriana Puente ist Umweltschützerin und Mitgründerin des Winterthurer Ladens «bare Ware». (Bild: RADIO TOP/Marija Lepir)

Die 40-jährige Adriana Puente ist Umweltschützerin und Mitgründerin des Winterthurer Ladens «bare Ware». (Bild: RADIO TOP/Marija Lepir)

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Klimastreiks, Konferenzen, die grüne Welle: Der Umweltschutz stand noch nie so sehr im Fokus wie in diesem Jahr. Das Bewusstsein der Menschen scheint sich zu schärfen. Das schlägt sich derzeit vor allem im Konsum nieder. Produkte aus der Region werden bevorzugt und Plastiksäckli bewusst gemieden.

Die 40-jährige Adriana Puente aus Winterthur geht mit ihrem Laden «bare Ware» noch einen Schritt weiter. TOP ONLINE hat mit ihr gesprochen.

Du hast den Laden «bare Ware» zusammen mit deiner Geschäftspartnerin Iris Huber im Jahr 2017 eröffnet. Wie funktioniert das Konzept?

Wir bieten alles unverpackt an, um möglichst keinen Abfall zu produzieren. Bei uns sind alle Produkte Bio oder Demeter* und möglichst aus der Region. Die Produkte bekommen wir in grossen Mengen und viele von unseren Lieferanten haben sogar zusammen mit uns Mehrweg-Systeme entwickelt, damit weniger Abfall entsteht. Die Kunden müssen einfach ihre eigenen Stoffbeutel oder Gläser mitbringen, das Leergewicht markieren und diese einfach abfüllen. Man kann sogar verschiedene Produkte mischen und sich somit zum Beispiel selber ein Müsli zusammenstellen.

*Anmerkung der Redaktion: Die so genannte biologisch-dynamische Wirtschaftsweise des Bio-Anbauverbands Demeter gilt als eine der nachhaltigsten Formen der Landwirtschaft.


Im Laden «bare Ware» gibt es alles unverpackt. Kunden müssen ihre eigenen Gläser oder Stoffsäckli mitbringen, um aus den Glasbehältern schöpfen zu können. (Bild: RADIO TOP/Marija Lepir)


Woher kam die Idee für diesen Laden?

Ich habe 2010 in Mexiko schon einen Laden mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit eröffnet. Ausserdem begleitet mich der Umweltschutz seit meiner Kindheit. Als ich in der Schweiz ankam, war ich sehr froh über die grosse Auswahl an Bio-Produkten. Allerdings hat mich die riesige Menge Abfall, die draus entsteht, sehr irritiert. Zum ersten Mal habe ich diese Idee im Rahmen eines Workshops der Organisationen WWF und Euforia präsentiert. Jemand der wusste, dass Iris eine ähnliche Idee hatte, hat uns zusammengebracht. Wir haben sofort gemerkt, dass wir die gleichen Träume und Werte teilen und so haben wir uns für die Klimalandsgemeinde* beworben. Wir haben gedacht, wenn wir den ersten Platz bekommen, dann machen wir es! Wir haben tatsächlich gewonnen und so haben wir uns entschieden, loszulegen. 

*Anmerkung der Redaktion: An einem der echten Landsgemeinde nachempfundenen Anlass, werden die besten Klimaschutz-Projekte per Handabstimmung erkoren und mit einem Preisgeld belohnt. Die Klimalandsgemeinde will Leute dazu anregen, sich mit Umweltschutz zu beschäftigen. 

Woher kommt deine Leidenschaft für die Umwelt?

Seit meiner Kindheit haben mich Tiere und die Umwelt immer fasziniert. Nach meinem Studium der Kommunikationswissenschaften habe ich gemerkt, dass ich mich für die Umwelt ernsthaft engagieren will. Dann habe ich den Master in Biology Conservation* gemacht, um mich mehr auf Umweltthemen auszurichten.

*Anmerkung der Redaktion: Übersetzt: Schutz der biologischen Vielfalt

Was gibt es in eurem Laden alles zu kaufen?

Es gibt frische Waren wie Gemüse, Früchte, Eier und Milchprodukte. Wir bieten auch Gewürze, Nüsse, Trockenfrüchte, Nudeln, Getreide und Süssigkeiten an. Ausserdem haben wir Haushaltsmittel, unverpackte Kosmetikartikel, Trinkflaschen, Bienenwachstücher und andere Non-Food-Artikel.

Wie beschafft ihr die Waren unverpackt?

Etwa die Hälfte unseres Sortiments stammt aus der Schweiz. Einige der Produkte sind sogar aus Winterthur, beispielsweise das Mehl und die Linsen. Die Produkte die aus dem Ausland stammen, wie Gewürze, Nüsse und Trockenfrüchte, sollen mit dem Schiff und nicht mit dem Flugzeug transportiert werden. Diese Produkte bekommen wir in der originalen Verpackung. Ausserdem achten wir sehr darauf, dass unsere Lieferanten fair entlohnt werden. Bei den tierischen Produkten schauen wir, dass es den Tieren auch gut geht. Deshalb haben wir auch nur Demeter-Milchprodukte aus der Region.


Lebensmittel wie Nüsse, die nicht in der Schweiz beschafft werden können, werden mit dem Schiff und nicht etwa dem Flugzeug oder Lastwagen transportiert. (Bild: RADIO TOP/Marija Lepir)


Wie sieht eure Kundschaft aus?

Die Leute sind bunt gemischt. Die Kunden die mit uns gestartet sind, sind sehr belesene Leute, die viel über Umweltschutz wissen. Und die Leute die jetzt vermehrt bei uns einkaufen, haben den Wunsch einen Beitrag zu leisten. Sie sind froh um neue Informationen, Tipps und die spannenden Gespräche zum Thema Nachhaltigkeit, die oft im Laden entstehen.

Was glaubst du, woher dieser Wunsch nach Veränderung kommt?

Viele sagen, sie hätten eine Fernsehdokumentation gesehen. Natürlich haben die Klimastreiks zusammen mit der grünen Welle schon viele Leute bewegt etwas zu verändern. Die Hauptsache ist, dass vielen bewusster wird, dass unsere täglichen Entscheidungen eine grosse Rolle spielen. Denn die heutige Situation benötigt ernsthafte Veränderungen.

Lebst du selbst abfallfrei («zero waste»)?

Ich finde «zero waste» ist erstrebenswert, aber nicht so einfach zu erreichen. Ich lebe mit wenig Abfallproduktion. Wir sind zwei Leute Zuhause und brauchen alle zwei Monate einen Abfallsack von 35 Litern.

Wo machst du Ausnahmen?

Wir sind Vegetarier und Fleischersatzprodukte gibt es meistens nur verpackt. Damit produzieren wir leider noch Abfall. Wir haben nur wenig Zeit, Sachen selber herzustellen. Deshalb schleichen sich die fixfertig verpackten Produkte ab und zu bei uns ein.

Was vermisst du an verpackten Lebensmitteln?

Was man vermisst ist die Bequemlichkeit. Es ist mega bequem, wenn einem alles egal ist. Trotzdem würde ich nicht zurück wollen und anders handeln.


Pasta bekommt man aus solchen Dosen. (Bild: RADIO TOP/Marija Lepir)


Welches Gefühl gibt dir dein abfallbewusster Lebensstil?

Derzeit sieht es etwas düster aus in der Welt, aber ich habe immer noch Hoffnung, dass alles gut kommt. Es gibt immer mehr Menschen, die ernsthafte Veränderungen in ihrem Lebensstil machen und sich für Nachhaltigkeit engagieren. Wir sehen Firmen, die sich für umweltfreundlichere Praxen einsetzen. Ich für meinen Teil will wissen, dass was auch immer kommt, ich alles in meiner Macht stehende getan habe. Das ist mir sehr wichtig.

Was sagst du Leuten, die sagen, wenn es nur einer macht bringt es sowieso nichts?

Ich denke die Leute unterschätzen es total. Jede Person zählt. Was wir kaufen und vor allem was wir nicht kaufen steuert den Markt und das Angebot. Was viele Leute nicht wahrnehmen, ist der eigene Einfluss auf ihre Umgebung. Ich finde es mega schön wenn Leute zu mir kommen und sagen: «Hey, ich hab heute an dich gedacht und eine Spinne nicht getötet oder einen Plastiksack vermieden.»

In der Schweiz gibt es ein gutes Recyclingsystem. Bringt «zero waste» hier überhaupt etwas?

Recycling ist schon gut, aber nicht das Beste was man machen kann. Recycling braucht auch Energien und Ressourcen, die man eigentlich sparen könnte. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen bei den Leuten. Zuerst vermeiden, dann wieder brauchen und am Schluss recyceln.

Welche Rolle nimmt der Laden «bare Ware» bei dieser Bewusstseinsschaffung ein?

Bei «bare Ware» wollen wir das nachhaltige Einkaufen vereinfachen. Bei uns muss man nicht grosse Entscheidungen treffen oder ewig Etiketten lesen. Denn wir schauen, dass die Produkte die man bei uns findet, die nachhaltigsten ihrer Art sind. Wir sind auch eine Austauschplattform, in welcher die Leute miteinander über Nachhaltigkeit sprechen. Mit einem Laden wie «bare Ware» wollen wir vor allem zeigen, dass es auch eine andere Art der Wirtschaft gibt, bei der nicht nur Nachhaltigkeit im Fokus steht, sondern auch Transparenz, Fairness, Vertrauen und Respekt. 

Welches Verhalten würdest du dir von den Menschen wünschen?

Ich wünsche mir weniger Gier, dafür mehr Mitgefühl und Weisheit. Wenn wir alle sehen könnten, dass wir Teil der Natur sind und nicht ihr Herr oder Besitzer, dann könnten wir verstehen: Wenn wir das Land vergiften und ihm schaden, tun wir das uns selber und unseren Kindern an.          

Zum Schluss: Gib uns noch drei einfache Tipps zur Abfallvermeidung die jeder sofort ohne grossen Aufwand umsetzen kann:

Vermeiden: Bevor man etwas kauft, sollte man sich drei Fragen stellen: Brauche ich es wirklich? Wie wurde das Produkt hergestellt? Was passiert, wenn ich das Produkt nicht mehr brauche?

Reduzieren: Immer eine Wasserflasche bei sich tragen. Das es in der Schweiz überhaupt noch Wasser in PET-Flaschen hat, ist unglaublich. Schliesslich gibt es überall Trinkwasser.

Reste essen statt Take Away: Beim Mittagessen entstehen Berge an Abfall. Diese kann man vermeiden, indem man Reste von zu Hause mitnimmt, statt sich etwas im Take Away zu kaufen. 

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Iris Huber (33, links im Bild) und Adriana Puente (40). (Bild: zVg)

Zu den beiden Gründerinnen:

Iris Huber setzt sich seit vielen Jahren mit der nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln und deren Anbau auseinander und möchte das mit ihrer Arbeitstätigkeit sinnvoll verknüpfen. Iris glaubt, ein bewusster Konsum und das Wissen über die Herkunft der Lebensmittel und Alltagsgüter sind wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft. Die Mitarbeit in diversen Organisationen im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit, sowie das Studium in Umweltnaturwissenschaften an der ETH haben sie dazu inspiriert, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen.

Adriana Puente setzt sich seit ihrer Kindheit für eine Welt ein, in welcher Menschen eine respektvolle Beziehung mit der Natur pflegen. Ihre Leidenschaft hat sie in verschiedene Länder gebracht. In England hat sie ihren Master in Biology Conservation gemacht. In Costa Rica hat sie ein halbes Jahr an einem Schildkrötenprojekt mitgearbeitet. In Tansania hat sie ein Jahr an einem Projekt mit Korallenriffen, Flusspferden und Walhaien gearbeitet. Bereits 2010 eröffnete sie in Mexiko ein Geschäft mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit und führte dieses bis zu ihrem Wegzug in die Schweiz. Das Geschäft besteht noch heute.

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