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Winterthurer An'Nur-Prozess: Ein Opfer verzichtet auf Schadenersatz

Zehn Gläubige müssen sich diese Woche wegen eines Angriffs in der Winterthurer An'Nur-Moschee vor Gericht verantworten. Eines der Opfer verzichtet auf Schadenersatz - das andere fordert über 100'000 Franken.

02.10.2018 / 12:30 / von: mle/sda
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Tag zwei im Winterthurer An'Nur-Prozess. (Screenshot: TELE TOP)

Tag zwei im Winterthurer An'Nur-Prozess. (Screenshot: TELE TOP)

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RADIO TOP blickt auf den zweiten Prozess-Tag zurück:

Beitrag

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Verteidiger plädieren auf Freisprüche
Die zwei ersten Anwälte, die am Dienstag ihren Auftritt hatten, versuchten, die ganze Anklage als Lügengebilde darzustellen. Sein Mandant sei ein normaler Jugendlicher mit guten Schulnoten, sagte der erste Verteidiger. «Er weiss nicht mal, was ein Salafist ist.» Sein Mandant werde völlig zu Unrecht in diesen Dunstkreis gezerrt. Er habe eines der angeblichen Opfer zwar beleidigt und angespuckt, was mit «jugendlichem Testosteron» zu erklären sei. Er habe aber niemandem Verletzungen zugefügt.

Der zweite Anwalt kritisierte vor allem die mediale Vorverurteilung. Es seien regelrechte Hassartikel gegen die An'Nur-Moschee veröffentlicht worden. Die Beschuldigten seien als Radikale und Schlägertrupp dargestellt und im Voraus auch bereits als solche verurteilt worden. Für den angeblichen Angriff gebe es jedoch keinerlei Beweise. Der Prozess wird am Mittwoch mit weiteren Plädoyers der Verteidiger fortgesetzt. 

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Schadenersatz und Genugtuung
Der Geschädigte, der eine Hirnerschütterung davontrug, leidet gemäss seinem Anwalt bis heute. Er sei immer noch im Gewaltschutzprogramm der Polizei, habe bis jetzt sieben Mal die Wohnung gewechselt und fühle sich nach wie vor nicht sicher in seinen vier Wänden.

Der Anwalt fordert von den Beschuldigten, dass sie dem Nordafrikaner solidarisch 20'000 Franken Genugtuung und 118'000 Schadenersatz zahlen. Der andere Geschädigte stellt keine Forderungen. Er will lieber nicht mehr an die Sache erinnert werden.

Am Nachmittag beginnen die zehn Anwälte der Beschuldigten mit ihren Plädoyers. Weil es am Dienstag zeitlich nicht für alle reicht, wird der Prozess am Mittwoch fortgesetzt.

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«Rache und Bestrafung»
Die Aussagen seien alle unglaubwürdig, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer am Dienstag, dem zweiten Prozesstag. Es sei um Rache und Bestrafung gegangen. Als Mob mit aggressiver Gruppendynamik seien sie auf die beiden vermeintlichen «Verräter» losgegangen und hätten Selbstjustiz geübt.

Der Vereinspräsident und der Imam hätten in ihrer Funktion als Respektspersonen eigentlich die Gelegenheit gehabt, den Mob zu beruhigen. Dies hätten sie aber nicht getan. Stattdessen hätten sie ein Geständnis aus den Opfern herausgepresst.
Bei den Geschädigten liessen sich gemäss Staatsanwältin keinerlei Lügensignale erkennen. Ein ärztliches Zeugnis attestierte beiden einen «akuten psychotraumatischen Zustand». Einer der beiden hatte zudem ein Schädel-Hirn-Trauma als Folge eines Faustschlages.

Der Beschuldigte, der für diesen Schlag verantwortlich sein soll, sagte am Montag, das Opfer habe sich wohl selber geschlagen oder die Beule sei schon dagewesen. Er sei das jedenfalls nicht gewesen.

Als Beweis für den Angriff dient der Anklage unter anderem das SMS, das eines der Opfer schliesslich von der Toilette aus an einen Polizisten senden konnte: «Urgent, please urgent! Moschee Winterthur, they kill my friend.»

Eine Polizistin, die sich um die beiden Geschädigten kümmerte, gab zu Protokoll, dass sie noch nie so verängstigte Personen gesehen habe. Sie hätten die Pure Angst in den Augen gehabt.

Nach der Staatsanwaltschaft werden die Anwälte der beiden Verprügelten ihre Plädoyers halten. Danach kommen die zehn Anwälte der zehn Beschuldigten an die Reihe.

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Die Staatsanwältin fordert für die acht jungen Muslime, ihren Imam und den Vereinspräsidenten teilbedingte Freiheitsstrafen. Mehrere der Beschuldigten sollen zwölf Monate unbedingt erhalten. Das würde bedeuten, dass sie ihre Strafen noch in Halbgefangenschaft absitzen könnten. Andere sollen wegen des Angriffs jedoch schärfer bestraft werden, so dass sie ins Gefängnis müssten.

Die Ausländer sollen zudem zehn Jahre des Landes verwiesen werden. Diese Forderung hatten alle Betroffenen am Montag bei Prozessbeginn als «Todesurteil» bezeichnet. Die Schweiz sei doch ihre Heimat.

Den zehn Gläubigen wird vorgeworfen, im November 2016 zwei junge vermeintliche «Spitzel» verprügelt, mit dem Tod bedroht und eingesperrt zu haben. Sie waren überzeugt, dass die beiden Nordafrikaner einen Journalisten mit Informationen versorgt hatten.

Die Beschuldigten streiten jedoch alle Vorwürfe ab. Sie hätten lediglich mit den beiden geredet, weil sie sie beim Fotografieren und Filmen erwischt hätten. Vereinzelte von ihnen hätten sie auch angespuckt. Zu Gewalt sei es jedoch nicht gekommen.

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Hier gibt es eine Zusammenfassung des ersten Prozesstages.

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