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Menschenrechtler kritisieren Freispruch nach Vergewaltigungsvorwurf

Das Bezirksgericht Andelfingen hat Anfang Woche einen jungen Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Die Begründung: Die Frau habe sich nicht vehement genug gegen den Sexualkontakt gewehrt. Amnesty International fordert aufgrund solcher Fälle eine Verschärfung des Strafrechts.

13.08.2019 / 11:55 / von: sfa/mle
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Das Bezirksgericht Andelfingen hat Anfang Woche einen jungen Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Die Begründung: Die Frau habe sich nicht vehement genug gegen den Sexualkontakt gewehrt. (Symbolbild: Pixabay.com/Counselling)

Das Bezirksgericht Andelfingen hat Anfang Woche einen jungen Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Die Begründung: Die Frau habe sich nicht vehement genug gegen den Sexualkontakt gewehrt. (Symbolbild: Pixabay.com/Counselling)

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Das Bezirksgericht Andelfingen hat sich in den vergangenen Tagen mit einem mutmasslichen Vergewaltigungsfall beschäftigt: Eine junge Frau wirft einem jungen Mann vor, sie vor zweieinhalb Jahren vergewaltigt zu haben. Zwischen den beiden war es schon vor der mutmasslichen Tatnacht zu Geschlechtsverkehr gekommen. In der besagten Nacht habe die Frau dem Sexualkontakt aber nicht zugestimmt. Sie wirft dem Beschuldigten vor, er habe sie gewürgt und zum Geschlechtsverkehr gezwungen.

Ganz anders präsentiert sich seine Sicht der Dinge: Der Sexualkontakt sei einvernehmlich gewesen. Es steht Aussage gegen Aussage. Das Bezirksgericht Andelfingen hat den jungen Mann am Montag freigesprochen. Die Grenze zum Strafrecht sei nicht überschritten worden. Die beiden hätten vielmehr unterschiedliche Auffassungen davon, was in dieser Nacht passiert sei. Die Frau habe sich nicht deutlich genug gegen den Geschlechtsverkehr gewehrt. Das Gericht taxiert die Geschehnisse der Nacht daher als «unglücklichen Sexualkontakt», nicht aber als Vergewaltigung.


Opfer von sexueller Gewalt können sich nicht wehren

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wird bei diesem Urteil hellhörig. Den Einzelfall könne sie zwar nicht beurteilen. Das Urteil zeige aber einmal mehr auf, dass das heutige Strafrecht zu sehr auf Gewalt und Nötigung fokussiere, sagt Noëmi Grütter, Frauenrechtsexpertin bei Amnesty International: «Von den Betroffenen wird implizit erwartet, dass sie sich gegen eine Vergewaltigung zur Wehr setzen. Das finden wir falsch: Eine natürliche Reaktion eines Opfers sexueller Gewalt ist eine Schockstarre – man kann sich nicht wehren.»

Solche Urteile gäben den Opfern sexueller Gewalt ausserdem das Gefühl, eine Mitschuld an den Taten zu tragen, so Grütter weiter. Amnesty International fordert deshalb eine Verschärfung des Strafrechts: Geschlechtsverkehr ohne ausdrückliche Einwilligung soll als Vergewaltigung gelten. Im Parlament sind verschiedene Vorstösse dazu hängig.

Strafrechtsexperten hingegen warnen vor einer solchen Verschärfung des Strafrechts. Damit riskiere man eine Pauschalverurteilung, sagt etwa der Zürcher Rechtsanwalt Markus Meier: «Wenn man es zu Ende denkt, würde es vielleicht darauf hinauslaufen, dass man grundsätzlich jeden Sexualkontakt als verbotene Straftat betrachtet – ausser, der Mann beweist das Gegenteil: Nämlich, dass die Frau ‹Ja› gesagt hat.»

Damit kratze man letztlich an der Unschuldsvermutung, welche besagt, dass jeder als unschuldig gilt, bis seine Schuld bewiesen wurde. Amnesty International widerspricht: Ein Gericht würde immer noch in jedem Einzelfall entscheiden, wie glaubwürdig Opfer und Beschuldigter sind – und würde so verhindern, dass Unschuldige im Gefängnis landen. Es sei etwa unklar, ob die von Amnesty geforderte Gesetzesänderung im vorliegenden Fall aus Andelfingen überhaupt zu einem anderen Urteil geführt hätte.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es kann in nächster Instanz ans Zürcher Obergericht weitergezogen werden.

Der ganze Fall zum Nachhören, im Beitrag von RADIO TOP:

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ExOriente
am 13.08.2019 um 14:20
Aber eine zu straffe Verschärfung führt wiederum dazu, dass man alles Mann zu einfach ungerechtfertigt beschuldigt werden kann, nur weil die Frau vielleicht wegen irgendwas später einen Greul gegen ihn hegt. Und sobald keine Spuren an der Frau mehr sichtbar sind und Aussage gegen Aussage steht ist meines Erachtens eine Verurteilung alles andere als gerechtfertigt, außer natürlich der Beweis kann einwandfrei geführt werden. Nur die Aussage der Frau darf und kann niemals ausreichend sein.