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Prozesstag für drei Psychiater im Fall «Carlos»

Am Mittwoch stehen im Fall «Carlos» drei Psychiater vor dem Zürcher Bezirksgericht. Sie hätten den jungen Straftäter zur Beruhigung 13 Tage lang festgebunden. Laut ethischen Richtlinien hätten sie das jedoch nur für wenige Stunden machen dürfen.

26.08.2020 / 07:00 / von: sda/szw/asl
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Vor dem Zürcher Obergericht müssen sich im Fall «Carlos» drei Psychiater verantworten. (Symbolbild: KEYSTONE/WALTER BIERI)

Vor dem Zürcher Obergericht müssen sich im Fall «Carlos» drei Psychiater verantworten. (Symbolbild: KEYSTONE/WALTER BIERI)

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In der langen Geschichte des jungen als «Carlos» bekannten Straftäters

 kommt heute Mittwoch ein weiteres Kapitel dazu: Drei Psychiater stehen vor dem Zürcher Bezirksgericht, weil sie im Jahr 2011 den damals 15-Jährigen ganze 13 Tage lang festgebunden haben sollen.

Diese sogenannte «7-Punkt-Fixation» mit Gurten wurde in der psychiatrischen Universitätsklinik PUK in Zürich vollzogen, im Volksmund auch «Burghölzli» genannt.

Brian, bekannt als «Carlos», sass im Jahr 2011 in Untersuchungshaft, weil er einen anderen Jugendlichen mit einem Messer schwer verletzt hatte. Im Gefängnis versuchte er dann, sich das Leben zu nehmen, worauf er in die Psychiatrie verlegt wurde.

Dort stellten ihn die drei beschuldigten Ärzte, einer davon ein Vorgesetzter, mit Hilfe von Gurten und acht verschiedenen Medikamenten ruhig. Allerdings nicht nur für wenige Stunden, wie dies ethische Richtlinien vorgeben, sondern für 13 Tage.

Ab dem neunten Tag wurden einzelne Fixierungen gelöst. Der junge Straftäter durfte jeden Tag gefesselt und in Begleitung der Polizei eine Stunde spazieren gehen.

Im Grundsatz sei er jedoch angebunden geblieben, in «fast absoluter Bewegungslosigkeit», schreibt der Staatsanwalt in der Anklageschrift. Für ihn ist dies klar eine Misshandlung, denn Fixierungen seien «so kurz wie möglich zu halten».

Die drei ehemaligen Psychiater von Brian, die sich am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich wegen Freiheitsberaubung verantworten müssen, fühlen sich unschuldig. Es habe keine Alternative gegeben, als ihn zu fixieren.

Brian in ein Isolationszimmer zu bringen, sei nicht möglich gewesen, da er suizidal gewesen sei, sagten die drei Beschuldigten übereinstimmend. Ein Isolationszimmer habe zwar möglichst wenig Ecken und Kanten, doch auch dort könnten sich Patienten etwas antun, etwa indem sie den Kopf gegen die Wand schlagen würden.

Bei einem früheren Klinikaufenthalt erlitt Brian in einem Isolationszimmer schon einmal einen Tobsuchtsanfall und trat die Tür ein. Damals musste die Polizei ausrücken und ihn fixieren.

Grundsätzlich sei der als «Carlos» bekannte Brian in der Psychiatrischen Universitätsklinik am falschen Ort gewesen, da diese für die Sicherung von forensischen Patienten nicht geeignet sei, so die Psychiater weiter. Sie hätten sich darum bemüht, ihn in die Klinik Rheinau verlegen zu können, doch dort habe es keinen Platz gegeben.

Die drei Psychiater sagten zudem übereinstimmend aus, dass «Carlos» hochgradig gefährlich und unberechenbar gewesen sei. So habe er im Gefängnis einmal aufgebrühtes Wasser auf Betreuer geschüttet. Das Klinik-Team habe wirklich alles getan, was möglich gewesen sei.

14 Monate Freiheitsstrafe gefordert

Die Anklage fordert deshalb, die drei Psychiater wegen Freiheitsberaubung und wegen Gehilfenschaft zu Freiheitsberaubung schuldig zu sprechen. Dafür sollen sie mit bedingten Freiheitsstrafen von 7 respektive 14 Monaten bestraft werden.

Für den jungen Straftäter folgte bekanntlich eine Odyssee durch Gefängnisse, Kliniken und Gerichtssäle. Im vergangenen November schickte ihn das Bezirksgericht Dielsdorf schliesslich in eine stationäre Massnahme, umgangssprachlich auch «kleine Verwahrung» genannt. Dabei werden psychische Störungen behandelt.

Alle fünf Jahre wird überprüft, ob die Therapie anschlägt oder ob weitere fünf Jahre notwendig sind. Angeklagt war Brian damals, weil er im Gefängnis Pöschwies randaliert und mehrere Personen verletzt hatte.

«Carlos» sitzt im Nebenraum

Der mittlerweile 24-jährige Wiederholungstäter verfolgt den Prozess per Videoübertragung in einem Nebenraum mit. Dafür wurde er am Mittwoch von der Strafanstalt Pöschwies in Regensdorf nach Zürich transportiert. Direkt im Saal fand sich kein geeigneter Platz, da er von vier Polizisten bewacht wird und die coronabedingten Abstände sonst nicht eingehalten werden könnten.

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