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Weltweites Experiment zeigt: Menschen sind ehrlicher als gedacht

Der Schreck ist gross, wenn das Portemonnaie verloren geht. Besonders, wenn viel Geld drin war. Gerade dann besteht jedoch Grund zur Hoffnung, dass der Finder es zurückgibt. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie der Universität Zürich.

20.06.2019 / 20:08 / von: abl/sda
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Gut die Hälfte aller Finder weltweit würde ein Portmonnaie zurückgeben. (Bild: pixabay.com/cocoparisienne)

Gut die Hälfte aller Finder weltweit würde ein Portmonnaie zurückgeben. (Bild: pixabay.com/cocoparisienne)

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Wer ein Portemonnaie mit viel Geld darin findet, könnte sich einfach über den unverhofften Gewinn freuen. Aber gerade bei hohen Geldsummen verhalten sich die Finder überraschend ehrlich, wie ein weltweites Experiment der Universitäten Zürich, Michigan und Utah zeigt. Damit widerspricht das Ergebnis klassischen ökonomischen Modellen, dass finanzielle Anreize die Ehrlichkeit senken. Einen wichtigen Grund sehen die Forschenden darin, dass sich die Finder nicht als Diebe fühlen wollen.

Die Wissenschaftler um Michel Maréchal von der Uni Zürich stellten für die Studie Menschen in 355 Städten in 40 Ländern auf die Probe: Eine Person gab vor, ein Portemonnaie gefunden zu haben, aber in Eile zu sein. Also gab sie es beim Empfang von Institutionen wie Hotels, Banken, Museen, Post- oder Polizeistellen ab, damit sich die dortige Person darum kümmere. In der transparenten Brieftasche befanden sich persönliche Visitenkarten mit Name und Adresse des Besitzers, eine Einkaufsliste, ein Schlüssel und entweder kein Geld, ein mittlerer oder ein hoher Geldbetrag.

Über 17'000 Portemonnaies gaben die Wissenschaftler auf diese Weise ab, wie die Uni Zürich am Donnerstag mitteilte. Anschliessend prüften sie, wie viele der Brieftaschen zum Besitzer zurückfanden. Überraschenderweise stieg die Rückgabequote in 38 von 40 Ländern deutlich, je mehr Geld im Portemonnaie war. Global gesehen stieg die Quote von 51 Prozent beim niedrigeren Betrag auf 72 Prozent beim höheren. Portemonnaies ohne Geld gaben im Durchschnitt nur 40 Prozent zurück.

Am ehrlichsten waren die Finder hoher Geldbeträge in Dänemark: Hier gaben 82 Prozent das gut bestückte Portemonnaie zurück. Auf den hinteren Plätzen der untersuchten Länder rangierten beispielsweise China, Peru, Kasachstan und Kenia, wo nur 8 bis 22 Prozent der unwissenden Probanden die Brieftasche retournierten.

Die Schweiz gehörte neben den skandinavischen Ländern zu den ehrlichsten: Die Rückgabequote war hierzulande sowohl bei geldlosen Portemonnaies als auch bei solchen mit hohen Geldsummen sehr hoch, zwischen 73 und 78 Prozent. Die höherer Betrag steigerte die Rückgabequote auch nur leicht.

Hintergrund der Studie war die Frage, welche Faktoren Ehrlichkeit im Alltag beeinflussen, wie Maréchal im Rahmen eine Pressekonferenz zur Studie erklärte. Zwar spielen altruistische Motive den Forschenden zufolge eine Rolle, ein gefundenes Portemonnaie zurückzugeben oder nicht, jedoch gingen die Wissenschaftler zu Beginn davon aus, dass ein grösserer finanzieller Anreiz die Ehrlichkeit des Finders senken sollte. Dieser Meinung waren auch Finanz- und Ethik-Experten, die die Wissenschaftler den Ausgang des Portemonnaie-Experiments voraussagen liessen.

Dass dem nicht so ist, entdeckten die Forschenden bereits vor einigen Jahren im Rahmen einer Pilotstudie in Finnland mit einem ähnlichen Experiment, erzählte Maréchal. Daraus entstand die Idee, dieses Phänomen global zu untersuchen.

Ein entscheidender Anreiz dürfte laut Maréchal und seinen Kollegen sein, dass sich der Finder beim Entschluss, einen höheren Geldbetrag zu behalten, als Dieb fühlt. Das zeigte auch eine ergänzende Umfrage im Rahmen der Studie: Je mehr Geld in einem gefundenen Portemonnaie steckte, desto mehr empfanden es die Befragten als Diebstahl, es zu behalten.

«Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe», liess sich Maréchal in der Mitteilung zitieren. Ein gefundenes Portemonnaie zu behalten, führe dazu, dass man sein Selbstbild anpassen müsse, was mit psychologischen Kosten verbunden sei.

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